Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Zweihundert Bücher später
Ich schenke mir Wein nach, betrachte das lange Regal mit meinen eigenen Büchern, dass sich, über die Jahre, entlang der gesamten Wand meines Arbeitszimmers erstreckt hat, und lasse eine Erinnerung an einen ganz bestimmten, stillen Abend zurückkehren.
Es war, vor nicht allzu langer Zeit, an einem gewöhnlichen Abend, als ich, beim Einsortieren eines frisch aus der Druckerei eingetroffenen Belegexemplars, plötzlich innehielt und begann, die Bücher in meinem Regal, zum ersten Mal seit Langem, tatsächlich zu zählen. Ich war selbst überrascht, als ich, nach mehrmaligem, sehr sorgfältigem Nachzählen, bei einer Zahl ankam, die mich für einen langen Moment einfach nur staunend vor meinem eigenen Regal stehen ließ: zweihundert veröffentlichte Bücher, über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg entstanden, verteilt über zahlreiche Reihen, Genres und, wie ich in diesem Band bereits erzählt habe, sogar über verschiedene Sprachen hinweg.
Ich setzte mich, nach dieser überraschenden Entdeckung, für eine ganze Weile einfach nur in meinen alten Lesesessel und ließ die schiere, kaum begreifbare Zahl auf mich wirken, verglich sie unwillkürlich mit einer anderen, mir ebenso vertrauten und bedeutsamen Zahl: verglichen mit den über fünftausend Wirbelsäulenoperationen, die ich in meiner aktiven chirurgischen Laufbahn durchgeführt hatte. Zwei vollkommen unterschiedliche Formen des kreativen Schaffens, dachte ich mir damals, und doch, bei genauerem Nachdenken, erstaunlich verwandt in ihrem zugrunde liegenden Wesen: In beiden Fällen ging es darum, mit großer Sorgfalt, über einen begrenzten Zeitraum, etwas zu erschaffen oder wiederherzustellen, das größer war als die Summe seiner einzelnen Teile.
Meine Frau, die mich an jenem Abend in meinem nachdenklichen Sessel fand, fragte mich, was mich so beschäftige, und ich erklärte ihr, mit einer gewissen Verwunderung über meine eigene Reaktion, diese schlichte Zahl, die mich so unerwartet berührt hatte. Sie lächelte, mit jener ihr ganz eigenen, warmen und liebevollen Gelassenheit, und meinte schließlich: „Zweihundert Geschichten, die es ohne dich nie gegeben hätte. Findest du nicht, dass das eine Zahl ist, die man feiern sollte, statt nur zu zählen?”
Wir öffneten, an jenem besonderen Abend, spontan eine ganz besonders gute Flasche Wein, die wir eigentlich für einen anderen Anlass aufbewahrt hatten, und stießen, ganz allein, ohne große Feierlichkeit, auf diese runde, symbolische Zahl an. Ich erinnere mich, wie ich, während wir dort saßen, unwillkürlich an all die einzelnen Momente dachte, die zu dieser Summe geführt hatten: die ersten, unsicheren Zeilen meines allerersten Manuskripts, die schmerzhafte erste Kritik, die internationale Übersetzung, die Verfilmung, und all die unzähligen, stillen Schreibabende, die niemand außer mir selbst je zu Gesicht bekommen hatte.
Ich betrachte, während ich diese Zeilen für den vorliegenden, dritten Band schreibe, das Regal noch einmal, mit dem Bewusstsein, dass dieses Buch, sobald es fertiggestellt ist, die Zahl noch einmal ein Stück weiter wachsen lassen wird. Ich habe, seit jenem Abend, begonnen, mir bei jedem neuen, fertiggestellten Manuskript einen kurzen Moment bewusster Innehaltung zu gönnen, statt, wie es zuvor meine Gewohnheit war, sofort zum nächsten Projekt überzugehen, eine kleine, aber für mich bedeutsame Veränderung, die mich lehrte, die eigene Schaffenskraft nicht nur als selbstverständlichen Teil meines Alltags, sondern als etwas zu betrachten, das durchaus verdient, gewürdigt zu werden.
Ich habe meine Tochter, wenige Tage nach jenem Abend, angerufen, um ihr von dieser runden Zahl zu erzählen, und sie überraschte mich mit dem Vorschlag, gemeinsam eine kleine, familiäre Feier zu diesem Anlass zu veranstalten, eine Idee, die wir, einige Wochen später, tatsächlich in die Tat umsetzten, mit einem gemütlichen Abendessen, bei dem jeder der Anwesenden sein liebstes meiner zweihundert Bücher benennen musste, eine Übung, die zu erstaunlich unterschiedlichen, aber durchweg herzerwärmenden Antworten führte.
Ich greife, mit erneuerter Dankbarkeit für dieses lange, reiche zweite Leben, nach der nächsten Karte dieses Bandes.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."