Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre

Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."

Nicht jede Geschichte in diesem Kasten handelt von einem Patienten, den ich selbst mit eigenen Händen operiert habe. Diese hier handelt von einer jungen Assistenzärztin, die ich Jahre zuvor selbst ausgebildet hatte und die zu jener Zeit in einer kleineren Klinik mehrere Autostunden von mir entfernt arbeitete, in der Nachtschicht, allein mit der Verantwortung, die diese Stunden mit sich bringen. Das Telefon klingelte um 3:12 Uhr, eine Uhrzeit, die sich mir eingeprägt hat, weil ich seither, wenn ich nachts aufwache, unwillkürlich auf die Uhr schaue und mich frage, ob gerade irgendwo ein junger Kollege genau in diesem Moment eine schwere Entscheidung trifft. Ihre Stimme war ruhig, aber ich hörte die Anspannung dahinter, die Anspannung eines Menschen, der weiß, was zu tun sein könnte, aber sich selbst noch nicht traut, es auch zu tun.

Sie beschrieb mir einen Patienten mit zunehmender Schwäche in einem Arm, begleitet von Nackenschmerzen, ein Bild, das mehrere mögliche Ursachen haben konnte, von harmlos bis hochdringlich. Der diensthabende Oberarzt war in dieser Nacht nicht sofort erreichbar, ein CT stand zur Verfügung, aber die endgültige Entscheidung, ob eine notfallmäßige Verlegung in ein neurochirurgisches Zentrum nötig war, lag in diesem Moment faktisch bei ihr. Ich hörte mir ihre Beschreibung der Bilder an, die sie mir am Telefon Zeile für Zeile schilderte, während ich mir, im Kopf, das Bild rekonstruierte, das sie vor sich hatte. Es sprach vieles für eine akute, fortschreitende Kompression, die keinen Aufschub erlaubte. "Ich glaube, ich sehe das Richtige", sagte sie, "aber ich traue mich nicht, es laut zu sagen."

Ich sagte ihr, sie solle es trotzdem laut sagen. Nicht, weil ich ihre Diagnose aus der Ferne mit letzter Sicherheit hätte bestätigen können, das wäre unredlich gewesen, sondern weil ich hörte, dass sie bereits die richtige Einschätzung getroffen hatte und nur noch den Mut brauchte, danach zu handeln. Wir gingen gemeinsam, am Telefon, Schritt für Schritt durch, was eine sofortige Verlegung bedeuten würde, welche Informationen das aufnehmende Zentrum brauchen würde, wie sie den Patienten in der Zwischenzeit stabil halten konnte. Um kurz nach vier Uhr morgens war der Patient auf dem Weg in eine spezialisierte Klinik, wo sich, wie sie mir Tage später berichtete, exakt die Diagnose bestätigte, die sie am Telefon bereits erkannt, aber nicht ausgesprochen hatte.

Der Patient wurde rechtzeitig operiert und erholte sich vollständig. Aber die eigentliche Geschichte dieses Falls handelt für mich weniger von ihm als von der jungen Ärztin am anderen Ende der Leitung. In den Jahren danach entwickelte sie sich zu einer der sichersten, entschlossensten Klinikerinnen, die ich kenne, und wenn wir uns gelegentlich auf Fachkongressen begegnen, erinnert sie mich manchmal, mit einem Lächeln, an jene Nacht. "Sie haben mir nichts Neues gesagt", meinte sie einmal. "Sie haben mir nur erlaubt, dem zu vertrauen, was ich schon wusste."

Ich denke, dieser Fall gehört in dieses Archiv, obwohl ich selbst nie einen Patienten berührt habe, weil er mir etwas über die Weitergabe von Verantwortung beigebracht hat, dass keine Operation je hätte lehren können. Die beste Ausbildung, die ich meinen jungen Kollegen über die Jahre geben konnte, war selten reines Fachwissen. Es war die Gewissheit, dass ihre eigene Einschätzung in dem Moment, in dem es zählt, etwas wert ist, auch wenn niemand sonst im Raum ist, der es bestätigen kann. Manchmal ist die wichtigste Aufgabe eines erfahrenen Arztes nicht, selbst zu entscheiden, sondern einem jüngeren Menschen zu sagen: Sie wissen es bereits. Sprechen Sie es aus.

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Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Das rote Kreuz auf der Karte

Karteikarte Nr. 020 — Datum: neblige Novembernacht. Kürzel: unbekannt bei Erstkontakt, später identifiziert als T.R., 44 J. Stichwort: Massenkarambolage auf der Autobahn, Ersthelfer-Situation, spinale Verletzung im Straßengraben stabilisiert. Notiz: Kartenausschnitt der Unfallstelle, aufgeklebt.