Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Ein junger Mann, vierunddreißig Jahre alt, Familienvater, wurde mit rapide zunehmender Schwäche in beiden Beinen in die Notaufnahme gebracht. Als ich ihn sah, konnte er die Zehen kaum noch bewegen. Zwei Stunden zuvor war er noch die Treppe zu seiner Wohnung hinaufgegangen.
Die Kernspintomographie, die wir um kurz vor zwei Uhr morgens noch durchsetzten, zeigte das, was ich im Rücken bereits geahnt hatte: eine massive Einengung des Wirbelkanals in der Halswirbelsäule, eine sogenannte HWS-Stenose, die vermutlich schon Jahre bestanden hatte, ohne nennenswerte Beschwerden zu verursachen — bis ein kleiner, zusätzlicher Bandscheibenvorfall an genau dieser vorbelasteten Stelle das Rückenmark in eine kritische Enge drängte. Das Bild auf dem Monitor zeigte eine Kompression, die keinen Aufschub erlaubte. Jede Stunde, die verstrich, während das Rückenmark unter diesem Druck stand, erhöhte das Risiko einer bleibenden Schädigung. Ich erinnere mich, wie ich dem diensthabenden Anästhesisten die Bilder zeigte und er nur sagte: "Dann fangen wir jetzt an."
Um 2:40 Uhr begann die Operation. Ein dorsaler Zugang, die Entlastung des Rückenmarks über mehrere Segmente, die Stabilisierung mit einem Titansystem, das wir noch in derselben Nacht aus dem OP-Lager holten, weil die reguläre Bestellung erst am Vormittag verfügbar gewesen wäre. Fünf Stunden lang arbeiteten wir mit einer Konzentration, die sich in solchen Nächten immer wieder einstellt — ein Tunnelblick, der nur das Operationsfeld kennt, während draußen die Stadt schläft. Als wir gegen acht Uhr morgens den letzten Hautfaden setzten, war das Rückenmark entlastet. Aber ob die Nervenfunktion sich erholen würde, ließ sich in diesem Moment noch nicht sagen. Das ist das Grausame und das Faszinierende an der Neurochirurgie zugleich: Man kann den Druck nehmen, aber man kann dem Nerv nicht befehlen, sich zu erholen.
Die ersten Wochen nach der Operation zeigten nur eine zögerliche Besserung. Der Patient konnte die Zehen wieder minimal bewegen, mehr nicht. Seine Familie stammte ursprünglich aus einem osteuropäischen Land, und nach Rücksprache mit uns entschied sie sich für eine intensive, mehrmonatige Reha in einer spezialisierten Einrichtung dort, näher an der Großfamilie, die Tag für Tag an seinem Bett saß, ihn stützte, mit ihm übte, ihn nicht aufgab, als selbst die Physiotherapeuten vorsichtig wurden mit ihren Prognosen. Ich erhielt über die Monate immer wieder Nachrichten — zunächst knapp, dann ausführlicher, je mehr sich tat. Nach fünf Monaten konnte er wieder mit Unterstützung stehen. Nach neun Monaten die ersten eigenständigen Schritte an Gehstützen. Nach zwölf Monaten schickte mir seine Frau ein Video: Er ging, langsam, mit einem leichten Schleifen im rechten Fuß, aber er ging, allein, über einen Hof, auf dem Hühner davonliefen.
Ich habe diesen Fall nie vergessen, nicht weil er medizinisch außergewöhnlich kompliziert gewesen wäre — solche Stenosen und ihre Entlastungen gehören, so dramatisch sie im Einzelfall sind, zum Handwerk eines Wirbelsäulenchirurgen. Ich habe ihn nicht vergessen, weil er mir zum ersten Mal mit aller Wucht zeigte, wie sehr das, was in einem Operationssaal in einer einzigen Nacht geschieht, nur der Anfang einer viel längeren Geschichte ist, die sich oft weit weg von mir, in fremden Ländern, in fremden Sprachen, in der stillen Ausdauer von Menschen fortsetzt, die ich nie kennenlernen werde. Seit jener Nacht führe ich diesen Karteikasten. Und seit jener Nacht weiß ich, dass die eigentlichen Wunder der Medizin selten im OP-Saal selbst geschehen. Sie geschehen danach.
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Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
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Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."
Das rote Kreuz auf der Karte
Karteikarte Nr. 020 — Datum: neblige Novembernacht. Kürzel: unbekannt bei Erstkontakt, später identifiziert als T.R., 44 J. Stichwort: Massenkarambolage auf der Autobahn, Ersthelfer-Situation, spinale Verletzung im Straßengraben stabilisiert. Notiz: Kartenausschnitt der Unfallstelle, aufgeklebt.