Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Zum Abschluss
Ich lege die Feder für einen Moment beiseite, schenke mir ein letztes Glas Wein für diesen langen Abend ein, und betrachte den nahezu leeren Kasten vor mir. Nur noch wenige Karten bleiben, und ich spüre, wie sich, ähnlich wie am Ende des ersten Bandes, eine vertraute Mischung aus Erleichterung und Wehmut in mir ausbreitet.
Wenn ich auf die fünfundsiebzig Fallgeschichten dieses zweiten Bandes zurückblicke, gemeinsam mit den biografischen Kapiteln über meine eigentlichen Klinikjahre, dann fällt mir vor allem eines auf: Wie sehr sich mein Blick auf meinen eigenen Beruf, allein durch das Schreiben dieser Geschichten, noch einmal verändert hat. Ich hatte gedacht, nach dem ersten Band, nach den Jahrzehnten meiner aktiven Laufbahn, alles Wesentliche über meine Zeit als Neurochirurg bereits verarbeitet zu haben. Und doch hat mir jede einzelne dieser Karten, jeder einzelne Fall, den ich in den vergangenen Monaten wieder zum Leben erweckt habe, etwas Neues gezeigt, eine Facette meiner eigenen Geschichte, die ich vorher nicht in dieser Klarheit gesehen hatte.
Besonders die biografischen Kapitel dieses Bandes, die Facharztprüfung, mein erster eigenständiger Fall, der Aufstieg zum Chefarzt, die Krise, die mich fast aus der Bahn geworfen hätte, mein besonderer Schützling Nora, und schließlich mein letzter Arbeitstag, haben mich noch einmal auf eine Weise mit meiner eigenen Vergangenheit konfrontiert, die mich zutiefst dankbar zurücklässt. Ich hatte, als ich mit diesem Band begann, nicht erwartet, wie sehr mich gerade das Wiedererzählen der eigentlichen Klinikjahre bewegen würde, jene Jahre, die ich im ersten Band nur gestreift hatte.
Die fünfundsiebzig neuen Fallgeschichten selbst, von der jungen Mutter mit dem geplatzten Hirnaneurysma bis zum Jungen, der über zwei lange Jahre das Laufen wieder erlernte, haben mir erneut vor Augen geführt, wie unendlich vielfältig die menschliche Erfahrung von Krankheit, Verletzung und Genesung sein kann, und wie viel Demut jeder einzelne dieser Fälle von mir verlangt hat, selbst nach Jahrzehnten der Erfahrung. Ich habe versucht, in jeder dieser Geschichten nicht nur die medizinischen Fakten festzuhalten, sondern auch das, was jeden dieser Menschen zu dem gemacht hat, wer sie waren, ihre Ängste, ihre Hoffnungen, die kleinen, oft unerwarteten Dinge, die ihnen in ihrer schwersten Stunde Kraft gaben.
Ich denke, während ich diese Zeilen schreibe, noch einmal an all die kleinen Erinnerungsstücke, die sich, über die Monate des Schreibens, auf meinem Schreibtisch angesammelt haben, das Alphorn-Modell, die Honigprobe, die winzigen Kinderschuhe, jedes einzelne ein stiller Zeuge einer Geschichte, die ohne meinen Beruf nie zu mir gefunden hätte. Ich habe, im Laufe dieses zweiten Bandes, noch klarer verstanden, was mich, all die Jahrzehnte über, tatsächlich in diesem Beruf gehalten hat: nicht allein die technische Herausforderung der Chirurgie selbst, so faszinierend sie für mich immer geblieben ist, sondern die Menschen, die mir, jeder auf seine eigene Weise, ein Stück ihrer eigenen Geschichte anvertraut haben. Ich glaube, wenn ich ehrlich mit mir selbst bin, dass ich dieses Buch nicht allein für meine Leser geschrieben habe, sondern ebenso sehr für mich selbst, als eine Art bewusster Rückschau auf ein Leben, das ich, trotz aller Umwege und Krisen, die ich in diesem Band beschrieben habe, immer wieder aufs Neue als sinnvoll und erfüllt empfunden habe.
Draußen ist es, während ich diese abschließenden Zeilen schreibe, bereits tief in der Nacht, der See liegt still und dunkel hinter dem Fenster, kein einziges Licht mehr auf der gegenüberliegenden Seite. Ich lege die Feder noch einmal beiseite, betrachte die beiden letzten, noch unbeschriebenen Karten in meinem Kasten, und spüre, wie sich, ganz ähnlich wie am Ende des ersten Bandes, eine leise, aber unverkennbare Vorahnung in mir regt, dass auch diese Geschichte, so vollständig sie mir in diesem Moment erscheint, noch nicht endgültig zu Ende erzählt ist.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."