Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Zimmer 214

Karteikarte Nr. 126 — Datum: über mehrere Wochen, zwei Patienten im selben Zimmer. Kürzel: F.R. und G.S., beide um die 50 J., zufällige Zimmergenossen. Stichwort: zwei unabhängige Wirbelsäulenoperationen, daraus entstandene lebenslange Freundschaft. Notiz: ein gemeinsames Foto, aufgenommen zwanzig Jahre nach ihrer ersten Begegnung.

Der Fall

F.R. und G.S. kannten einander überhaupt nicht, als sie, im Abstand weniger Tage, beide wegen unabhängiger, aber ähnlich gelagerter Bandscheibenvorfälle zu mir kamen und, rein zufällig durch die Bettenbelegung unserer Station, dasselbe Doppelzimmer teilten, Zimmer 214. F.R. war ein zurückhaltender, introvertierter Buchhalter, G.S. hingegen ein extrovertierter, gesprächiger Handwerksmeister, zwei grundverschiedene Männer, die sich, wie beide mir später unabhängig voneinander mit einem Lächeln erzählten, unter normalen Umständen ihres jeweiligen Alltags vermutlich niemals begegnet wären.

Die Wendung

In den Tagen ihres gemeinsamen stationären Aufenthalts, geprägt von ähnlichen Schmerzen, ähnlichen Ängsten vor der bevorstehenden Operation und der ähnlichen, langsamen Genesung danach, entwickelte sich zwischen den beiden Männern, wie ich es bei meinen täglichen Visiten mit wachsendem Erstaunen beobachtete, eine unerwartete, aber ausgesprochen tiefe Verbundenheit. Sie ermutigten sich gegenseitig, mit viel Geduld und Zuspruch, bei den ersten schmerzhaften Gehversuchen nach der jeweiligen Operation, teilten nachts, wenn der Schlaf ausblieb, lange, vertrauensvolle Gespräche über ihr jeweiliges Leben, und entdeckten, trotz aller äußerlichen Unterschiede zwischen ihnen, eine überraschend große Zahl gemeinsamer Interessen, von der Modelleisenbahn bis zur heimischen Kärntner Küche.

Die Rettung

Beide Operationen, technisch unkompliziert und ohne besondere Komplikationen, verliefen erfolgreich und wie geplant, doch der eigentlich bemerkenswerte Teil dieser Geschichte liegt, wie bei einigen anderen Fällen in diesem Archiv, weniger in der medizinischen Behandlung selbst als in dem, was sich um sie herum entwickelte. Ich erinnere mich noch gut an eine Visite, bei der ich die beiden dabei antraf, wie sie sich gegenseitig, mit selbst gebastelten Krücken-Wettrennen im Stationsflur, unter dem nachsichtigen Kopfschütteln des Pflegepersonals, gegenseitig zum Lachen brachten, eine Szene, die viel über die heilsame Kraft einer unerwarteten Verbindung aussagte.

Der Weg zurück

F.R. und G.S. erholten sich beide gut und vollständig von ihren jeweiligen Operationen und blieben, weit über ihre gemeinsame Zeit in Zimmer 214 hinaus, in engem Kontakt, zunächst mit gelegentlichen Anrufen, dann mit regelmäßigen gemeinsamen Ausflügen, die sich, über die vielen folgenden Jahre, zu einer festen, engen und tragfähigen Freundschaft entwickelten, die beide, wie sie mir unabhängig voneinander versicherten, zu den wichtigsten ihres gesamten Lebens zählten. Sie besuchten mich, zwanzig Jahre nach ihrer ersten zufälligen Begegnung in meiner Klinik, gemeinsam zu einem herzlichen, spontanen Wiedersehen, brachten mir ein Foto mit, das sie bei einer gemeinsamen Wanderung zeigte, mit der Widmung: „Ohne Ihre beiden gelungenen Operationen hätten wir uns wahrscheinlich nie getroffen. Beste Nebenwirkung aller Zeiten, ganz ohne Zweifel.”

Die Nachwirkung

F.R. und G.S.s bemerkenswerte Geschichte gehört zu den Fällen in meinem Archiv, die mich am meisten daran erinnern, dass ein Krankenhausaufenthalt, so belastend er für die Betroffenen auch sein mag, manchmal unerwartete, bereichernde Begegnungen mit sich bringt, die weit über die eigentliche medizinische Behandlung hinausreichen. Ich habe seither eine besondere Wertschätzung dafür entwickelt, wie wichtig die zwischenmenschliche Atmosphäre auf unseren Stationen ist, über die reine medizinische Versorgung hinaus.

Wir achten, seit diesem Fall, bei der Zimmerbelegung bewusster darauf, Patienten mit ähnlichen Diagnosen und ähnlichem Genesungsverlauf, wo immer es organisatorisch möglich ist, gemeinsam unterzubringen, in der leisen Hoffnung, dass sich daraus, wie bei F.R. und G.S., wieder einmal eine solche unerwartete Verbindung entwickeln könnte, auch wenn wir natürlich wissen, dass sich echte Freundschaft nicht verordnen lässt.

Ich betrachte das gemeinsame Wanderfoto der beiden, ihr beider breites, zufriedenes Lächeln, bevor ich es behutsam zu meinen anderen Erinnerungsstücken lege und die nächste Karte aus dem allmählich schmaler werdenden Kasten ziehe.

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