Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Wie “Wissen ist Macht” entstand
Ich lege W.H.s Karte beiseite und lasse eine weitere Erinnerung aus meinem zweiten Leben zurückkehren, diesmal die Geschichte einer meiner umfangreichsten und, wie ich mit einer gewissen Genugtuung feststelle, erfolgreichsten Buchreihen.
Es war, einige Jahre nach der Gründung meines eigenen Verlags, als mich eine wiederkehrende Beobachtung zunehmend beschäftigte, die ich sowohl in meiner früheren ärztlichen Sprechstunde als auch in den zahlreichen Leserzuschriften zu meinen ersten Büchern immer wieder machte: Wie wenig verlässliches, verständlich aufbereitetes medizinisches Grundlagenwissen den meisten Menschen tatsächlich zur Verfügung stand, jenseits widersprüchlicher Internetquellen und oberflächlicher Zeitschriftenartikel. Ich erinnerte mich an unzählige Sprechstundengespräche, in denen ich Patienten grundlegende Zusammenhänge über die Funktionsweise ihres eigenen Körpers erklären musste, Zusammenhänge, die, wie ich zunehmend erkannte, eigentlich jedem Menschen zugänglich sein sollten, unabhängig von einem tatsächlichen Arztbesuch.
Diese wiederkehrende Beobachtung reifte, über mehrere ruhige Monate hinweg, zu einer konkreten Idee: eine umfangreiche Sachbuchreihe, die jedes einzelne Organsystem des menschlichen Körpers in einem eigenen, verständlich geschriebenen Band behandeln sollte, verfasst mit derselben erzählerischen Sorgfalt, die ich in meinen belletristischen Werken zu pflegen versuchte, aber fundiert auf meinem eigenen, jahrzehntelangen medizinischen Fachwissen. Ich entschied mich bewusst für die Zahl siebenundsiebzig Kapitel pro Band, eine bewusst gewählte, etwas ungewöhnliche und für mich persönlich bedeutsame Zahl, die mir, aus rein persönlichen, familiären Gründen, die ich hier bewusst nicht weiter ausführen möchte, eine besondere, ganz persönliche Bedeutung trug.
Der erste Band dieser umfangreichen Reihe, der sich dem menschlichen Herzen widmete, kostete mich deutlich mehr Zeit und Mühe, als ich ursprünglich veranschlagt hatte. Ich musste, anders als bei meinen rein fiktionalen Werken, jede einzelne fachliche, medizinische Aussage mit allergrößter Sorgfalt prüfen und mit möglichst aktueller Fachliteratur sorgfältig abgleichen, ein Prozess, der mir, trotz meiner eigenen langjährigen fachlichen Expertise, eine völlig neue, ungewohnte Form editorischer Disziplin abverlangte, weit anspruchsvoller, als ich es mir zu Beginn dieses Projekts hätte vorstellen können. Ich erinnere mich an zahllose, oft späte Abende, an denen ich, gemeinsam mit einer befreundeten Fachärztin, die mir als externe, unabhängige Prüferin zur Seite stand, jedes einzelne Kapitel noch einmal sorgfältig auf seine fachliche Richtigkeit hin durchging.
Die Resonanz auf jenen ersten Band übertraf meine Erwartungen bei Weitem, und binnen weniger Jahre entwickelte sich aus diesem einen Buch die umfangreiche Reihe, die “Wissen ist Macht” heute darstellt, mit mittlerweile weit über zwanzig eigenständigen Bänden zu unterschiedlichsten Organsystemen und Gesundheitsthemen. Ich erhalte, bis heute, regelmäßig Zuschriften von Lesern, die mir schreiben, dass ihnen gerade dieses fundierte, aber allgemein verständliche Grundlagenwissen geholfen habe, ihre eigenen gesundheitlichen Anliegen besser zu verstehen und selbstbewusster mit ihrem eigenen Arzt zu kommunizieren. Eine Leserin schrieb mir einmal, dass sie, nach der Lektüre des Bandes über die Nieren, zum ersten Mal in der Lage gewesen sei, ihrem eigenen Nephrologen die richtigen, gezielten Fragen zu stellen, eine Rückmeldung, die mich, mehr als jede andere, in der ursprünglichen Absicht dieser gesamten Reihe bestätigte.
Ich habe, im Laufe der Jahre, gelernt, dass diese Sachbuchreihe eine ganz andere Art von Leserbindung erzeugt als meine fiktionalen Werke: weniger die Spannung einer fortlaufenden Geschichte, dafür aber eine tiefe, praktische Dankbarkeit für konkret nutzbares Wissen, das den Alltag der Leser unmittelbar verbessert. Ich plane, auch das gebe ich an dieser Stelle gerne preis, für die kommenden Jahre noch mehrere weitere Bände dieser Reihe, zu Themen, die bislang noch nicht ausführlich behandelt wurden, in der festen Überzeugung, dass dieses eine, aus einer einfachen ärztlichen Beobachtung erwachsene Projekt noch lange nicht an sein natürliches Ende gelangt ist.
Ich greife, mit besonderer, stiller Zufriedenheit über diese eine, aus einer ganz einfachen ärztlichen Beobachtung erwachsene Reihe, nach der nächsten Karte dieses dritten Bandes, bereit für eine weitere Fallgeschichte.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."