Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre

Wie die Klinik am Wörthersee entstand

Ich lege E.H.s Zettel behutsam beiseite und lasse eine weitere Erinnerung an ein Projekt zurückkehren, das mein Verlagsschaffen in eine neue, mir zuvor unbekannte Richtung führte.

Es war, während der intensiven Vorbereitungen zur Verfilmung meiner „SOKO Wörthersee”-Reihe, von der ich in einem früheren Kapitel dieses Bandes bereits ausführlich erzählt habe, als mich, bei einem der zahlreichen Produktionsgespräche, eine Regisseurin auf eine Idee ansprach, die mich zunächst selbst überraschte: Ob ich mir vorstellen könnte, neben meinen Kriminalgeschichten auch eine Reihe zu entwickeln, die sich, näher an meiner eigenen, ursprünglichen beruflichen Erfahrung, dem Alltag einer fiktiven Klinik widmete, mit all seinen menschlichen Dramen, Freundschaften und Konflikten.

Ich war, bei diesem unerwarteten Vorschlag, zunächst spürbar zurückhaltend und nachdenklich, da ich befürchtete, eine solche Reihe könnte zu nah an meiner eigenen, tatsächlichen beruflichen Erfahrung liegen, um genügend erzählerische Distanz für eine fiktionale Geschichte zu wahren. Je länger ich jedoch, in den folgenden Wochen, über die Idee nachdachte, desto klarer erkannte ich, dass genau diese besondere Nähe, richtig und behutsam gehandhabt, tatsächlich eine ganz besondere erzählerische Stärke sein könnte: Ich hatte, über drei lange Jahrzehnte aktiver Praxis, unzählige authentische Details des Klinikalltags sorgfältig gesammelt, die weit über das hinausgingen, was ein Autor ohne jede eigene medizinische Erfahrung sich jemals hätte erarbeiten können.

Ich entwickelte, in den folgenden, arbeitsreichen Monaten, ein sorgfältig ausgearbeitetes fiktives Ensemble unterschiedlicher Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und Verwaltungsmitarbeiter einer Klinik, die, ähnlich wie meine tatsächliche eigene Klinik, direkt am Ufer unseres Sees angesiedelt war, mit eigenen, komplexen persönlichen Geschichten und ganz unterschiedlichen beruflichen Herausforderungen, die sich über mehrere aufeinanderfolgende Bände hinweg entwickeln sollten. Ich achtete dabei besonders sorgfältig darauf, keine meiner realen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen erkennbar abzubilden, sondern aus vielen unterschiedlichen, über die Jahrzehnte gesammelten realen Eindrücken vollständig neue, eigenständige Figuren zu formen.

Die Reihe „Klinik am Wörthersee”, wie ich sie schließlich nannte, fand, nach ihrer Veröffentlichung, eine Leserschaft, die sich teilweise deutlich von jener meiner Kriminalreihe unterschied, viele davon selbst im Gesundheitswesen tätig, die mir in zahlreichen Zuschriften bestätigten, wie authentisch sie die geschilderten Arbeitsabläufe und zwischenmenschlichen Dynamiken empfanden, eine Rückmeldung, die mich, angesichts meiner ursprünglichen Bedenken, besonders erfreute.

Ich erhielt, in den ersten Monaten nach Erscheinen des allerersten Bandes, mehrere Zuschriften von aktiven Pflegekräften und jungen Assistenzärztinnen, die mir schrieben, dass sie sich, zum ersten Mal in einem belletristischen Werk, mit den tatsächlichen, oft wenig glamourösen Realitäten ihres Berufsalltags ernst genommen fühlten, eine Rückmeldung, die mich zutiefst berührte und mir zeigte, wie sehr eine literarisch verarbeitete, aber fundierte Fachkenntnis tatsächlich einen Unterschied für Leserinnen und Leser aus demselben Berufsfeld machen kann.

Ich habe, im Laufe dieser umfangreichen Reihe, gelernt, eine besondere erzählerische Balance zu finden zwischen der medizinischen Authentizität, die mir als ehemaligem Chirurgen naturgemäß am Herzen lag, und der erzählerischen Zugänglichkeit, die auch fachfremde Leserinnen und Leser ohne medizinischen Hintergrund ansprechen sollte, eine Gratwanderung, die mich anfangs deutlich mehr forderte, als ich es mir zu Beginn vorgestellt hatte, mir aber, mit jedem weiteren, neu erschienenen Band, zunehmend leichter von der Hand ging.

Die Regisseurin, deren ursprünglicher Vorschlag den Anstoß zu dieser gesamten Reihe gegeben hatte, blieb mir seither als geschätzte, gute Freundin erhalten, und wir sprechen bis heute regelmäßig über mögliche weitere Projekte, die aus unserer ursprünglichen, eher beiläufigen Unterhaltung während jener Produktions-gespräche erwachsen könnten, ein weiteres kleines Beispiel dafür, wie unerwartet fruchtbar manche zufälligen beruflichen Begegnungen sich im Rückblick erweisen können.

Ich greife nach der nächsten Karte dieses dritten Bandes, mit der stillen, tiefen Genugtuung, dass sich meine ursprüngliche berufliche Erfahrung, auf so vielfältige und unerwartete Weise, in meinem zweiten, schriftstellerischen Leben immer wieder aufs Neue nutzbringend entfaltet.

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Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."