Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre

Wie aus einem Spaziergang eine Krimireihe wurde

Ich lege das Foto des Tandemflugs beiseite und lasse eine weitere Erinnerung zurückkehren, diesmal die Geschichte, wie meine umfangreichste belletristische Reihe tatsächlich entstand.

Es war, an einem gewöhnlichen, milden Herbstabend, während eines meiner regelmäßigen Spaziergänge entlang des Wörthersees, als mir, ganz beiläufig, eine Frage durch den Kopf ging, die mich in den folgenden Wochen nicht mehr losließ: Wie viele stille, nie öffentlich bekannt gewordene Dramen mochten sich wohl, über die Jahrzehnte, in den Villen und Pensionen entlang dieses Ufers tatsächlich abgespielt haben, hinter den gepflegten Fassaden, die Touristen wie Einheimische gleichermaßen als reine Idylle wahrnahmen? Diese Frage, so beiläufig sie mir zunächst erschien, entwickelte sich, über die folgenden Monate, zum Keim jener Krimireihe, die unter dem Namen „SOKO Wörthersee” inzwischen zu meinem bekanntesten belletralischen Werk geworden ist.

Ich begann, zunächst nur für mich selbst, eine fiktive Ermittlergruppe zu entwickeln, die genau jene verborgenen Geschichten unseres Sees aufdecken sollte, angesiedelt in einer kleinen, fiktiven Polizeidienststelle, deren Mitglieder ich, über die folgenden Jahre, mit wachsender Zuneigung zu eigenständigen, vielschichtigen Charakteren entwickelte. Ich erinnere mich, wie ich in den ersten Wochen dieser Arbeit häufig an denselben Uferabschnitten spazieren ging, an denen ich die entscheidende Ausgangsidee gehabt hatte, in der Hoffnung, dort weitere Inspiration für die sich entwickelnde Handlung zu finden, eine fast schon abergläubische Gewohnheit, die mir bis heute geblieben ist.

Der erste Band jener Reihe, den ich mit einer Mischung aus großer Vorfreude und erheblicher, ehrlicher Unsicherheit veröffentlichte, da ich bis dahin hauptsächlich in anderen Genres geschrieben hatte, fand von Beginn an eine überraschend begeisterte Leserschaft, die sich, Band für Band, kontinuierlich vergrößerte. Ich lernte, im Laufe dieser umfangreichen Reihe, eine völlig neue, für mich zunächst ungewohnte erzählerische Disziplin: die sorgfältige, präzise Konstruktion eines kriminalistischen Rätsels, das sowohl überraschend als auch, im Rückblick, vollkommen stimmig und logisch nachvollziehbar sein musste, eine Balance, die mich, ich gebe es offen zu, deutlich mehr forderte als das Schreiben meiner eher episodisch angelegten Fallgeschichten in diesem Archiv.

Meine Frau, die von Beginn an meine aufmerksamste Leserin dieser Krimireihe war, entwickelte über die Jahre eine bemerkenswerte Fähigkeit, die Auflösung meiner Rätsel bereits nach nur wenigen Kapiteln korrekt zu erraten, eine Fertigkeit, die mich anfangs frustrierte, mich inzwischen aber eher amüsiert, weil sie mich, mit jedem neuen Band, zu noch raffinierteren erzählerischen Wendungen anspornt, um sie doch noch einmal ehrlich zu überraschen. Ich habe, über die Jahre, gelernt, ihre ersten Reaktionen auf ein neues Manuskript als verlässlichsten Gradmesser dafür zu nutzen, ob eine Auflösung tatsächlich überraschend genug war, eine informelle, aber äußerst zuverlässige und ehrliche Qualitätskontrolle, auf die ich mich inzwischen deutlich mehr verlasse als auf so manche professionelle Testleserunde.

Die Reihe wuchs, über die folgenden Jahre, weit über meine ursprünglichen Erwartungen hinaus, und ich entwickelte, parallel zu den Hauptbänden, mehrere thematisch verwandte Unterreihen, die sich jeweils bestimmten Aspekten oder Randfiguren des ursprünglichen Ermittlerteams widmeten, ein weit verzweigtes erzählerisches Universum, das inzwischen weit über das hinausgeht, was ich mir bei jenem ersten, beiläufigen Gedanken während meines ruhigen herbstlichen Spaziergangs jemals hätte vorstellen können. Ich kehre, bis heute, regelmäßig und mit großer Freude an jene Uferabschnitte zurück, an denen alles einst begann, manchmal einfach nur, um mich in Ruhe an den eigentlichen, bescheidenen Ursprung dieser für mich so bedeutsamen Reihe zu erinnern, manchmal auch, in der leisen, fast schon kindlichen Hoffnung, dass der See mir, wie schon einmal vor so vielen Jahren, erneut eine neue, noch unerzählte und aufregende Geschichte zuflüstern möge.

Ich greife, mit einem stillen Lächeln über diesen fortwährenden, liebevollen Wettstreit mit meiner eigenen Frau, nach der nächsten Karte dieses dritten Bandes, bereit für eine weitere Geschichte.

Weiterlesen im Journal

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."