Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre

Was ich jungen Kollegen mitgebe

Ich lege den korrodierten Haken beiseite und lasse eine weitere Erinnerung aus meinem Leben nach der aktiven Chirurgie zurückkehren, diesmal eine, die zeigt, wie ich versuche, meine jahrzehntelange Erfahrung an die kommende Generation weiterzugeben.

Es war, einige Jahre nach meinem endgültigen, wohlüberlegten Abschied aus dem aktiven OP-Betrieb, als mich die Universitätsklinik, an der ich einst meine eigene Facharztausbildung absolviert hatte, anfragte, ob ich bereit wäre, gelegentlich als Gastdozent für angehende Neurochirurginnen und Neurochirurgen zur Verfügung zu stehen. Ich empfand, bei dieser Anfrage, eine ähnliche Mischung aus Stolz und Unsicherheit, die mich schon bei der Anfrage zur telemedizinischen Beratungsplattform begleitet hatte, die ich in einem früheren Kapitel dieses Bandes bereits beschrieben habe: War meine eigene, über ein volles Jahrzehnt zurückliegende aktive Praxis noch relevant genug für eine ganz neue Generation, die mit gänzlich neuen technischen Möglichkeiten aufwuchs?

Ich entschied mich, dieser freundlichen Anfrage zu folgen, jedoch mit einer bewussten Beschränkung: Ich wollte nicht in erster Linie über die neuesten chirurgischen Techniken sprechen, für die es weitaus aktuellere Referenten gab, sondern über jene Aspekte meines Berufs, die sich, wie ich über die Jahrzehnte gelernt hatte, kaum verändern: den Umgang mit Angst und Unsicherheit vor einer schwierigen Operation, die besondere Verantwortung, einem Patienten in einem der schwersten, verletzlichsten Momente seines Lebens mit Empathie zu begegnen, und, nicht zuletzt, wie man souverän mit dem unvermeidlichen eigenen Fehler umgeht, den, wie ich in meinen eigenen, frühen Jahren am eigenen Leib erlebt hatte, jeder Chirurg, gleich wie erfahren, irgendwann einmal macht.

Meine erste Vorlesung vor einer neuen Generation angehender Neurochirurginnen und Neurochirurgen war geprägt von einer Nervosität, die mich selbst überraschte, ähnlich jener, die mich bei meiner eigenen Facharztprüfung Jahrzehnte zuvor begleitet hatte, von der ich bereits in Band 2 dieser Reihe erzählt habe. Ich erzählte den versammelten jungen Ärztinnen und Ärzten, mit größerer Offenheit, als ich es mir selbst zugetraut hätte, von meiner eigenen Krise nach einer schwerwiegenden Komplikation, jener Geschichte, die ich ebenfalls bereits in einem früheren Band dieses Archivs festgehalten habe, in der Überzeugung, dass gerade diese Verletzlichkeit ihnen mehr helfen würde als jede rein fachliche Anweisung.

Die Rückmeldungen, die ich nach jener ersten Vorlesung erhielt, überraschten mich mit ihrer Tiefe und Offenheit: Mehrere junge Kolleginnen und Kollegen schrieben mir, dass ausgerechnet meine Bereitschaft, über eigene Zweifel und Fehler zu sprechen, ihnen mehr Mut gegeben habe als jede technische Anleitung, die sie zuvor erhalten hatten. Ich unterrichte seither, mit wachsender Regelmäßigkeit, an dieser Universität, und ich betrachte diese Tätigkeit, gemeinsam mit meinem Schreiben, als die eigentliche, konsequente Fortsetzung dessen, was mich mein gesamtes Berufsleben über angetrieben hat: Menschen, in welcher Form auch immer, etwas von dem weiterzugeben, was ich selbst über die Jahrzehnte lernen durfte. Ich habe, im Laufe dieser langjährigen Lehrtätigkeit, eine besondere Freundschaft zu einer meiner allerersten Studentinnen entwickelt, die inzwischen selbst erfolgreich als Fachärztin praktiziert und mir gelegentlich, mit sichtlicher Freude, schreibt, wenn sie in ihrer eigenen, geschäftigen Praxis auf einen Fall stößt, der sie an eine meiner Vorlesungsgeschichten erinnert, ein kleiner, aber für mich zutiefst bedeutsamer Beweis dafür, dass diese Art der Wissensweitergabe tatsächlich nachwirkt.

Ich habe, gerade in den vergangenen Jahren, verstärkt darüber nachgedacht, wie viel von dem, was einen guten Arzt letztlich ausmacht, sich nicht in Lehrbüchern vermitteln lässt, sondern nur im offenen, ehrlichen Gespräch zwischen erfahrenen und angehenden Kolleginnen und Kollegen weitergegeben werden kann, eine Erkenntnis, die mich in meiner fortgesetzten, gerne ausgeübten Lehrtätigkeit mit wachsender Überzeugung bestärkt.

Ich greife nach der nächsten Karte dieses dritten Bandes, mit der stillen, tiefen Genugtuung, dass meine Erfahrung, weit über meine eigene aktive Laufbahn hinaus, noch immer einen echten Sinn und Nutzen findet.

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Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."