Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Notlandung
Karteikarte Nr. 101 — Datum: ein Transatlantikflug, auf dem Rückweg von einem Fachkongress. Kürzel: R.V., 60 J., Mitreisender. Stichwort: akutes Rückenmarkssyndrom während des Fluges, improvisierte Erstversorgung, Umleitung des Flugzeugs. Notiz: eine Bordkarte, mit handschriftlichem Dank auf der Rückseite.
Der Fall
Ich befand mich auf dem Rückflug von einem internationalen neurochirurgischen Fachkongress, irgendwo über dem Nordatlantik, in einer jener seltenen Phasen völliger beruflicher Auszeit, in der ich mir erlaubte, einfach nur einen Film zu schauen, als über die Bordlautsprecher die inzwischen vertraute, aber immer wieder beunruhigende Durchsage erklang: „Befindet sich ein Arzt an Bord?” Ich meldete mich, wie ich es bei ähnlichen Gelegenheiten zuvor schon getan hatte, und wurde zu R.V. geführt, einem sechzigjährigen Mitreisenden, der plötzlich über heftige Rückenschmerzen klagte, begleitet von einer rasch zunehmenden Schwäche in beiden Beinen, ein Symptombild, das mir, aufgrund meiner Spezialisierung, sofort die Alarmglocken läuten ließ.
Die Wendung
In der beengten, medizinisch denkbar schlecht ausgestatteten Umgebung eines Flugzeugkabinenbodens musste ich, ohne jede Bildgebung, allein anhand der klinischen Untersuchung, eine Einschätzung treffen, die unter normalen Umständen eine sofortige Computertomographie erfordert hätte. Die rasche, fortschreitende Verschlechterung seiner Beinkraft deutete auf eine akute, möglicherweise durch eine Einblutung oder einen embolischen Vorgang verursachte Kompression des Rückenmarks hin, einen echten neurochirurgischen Notfall, bei dem jede verstrichene Stunde über das Ausmaß einer möglicherweise bleibenden Lähmung entscheiden konnte. Ich informierte die Kabinenbesatzung, mit aller gebotenen Eindringlichkeit, dass eine sofortige Umleitung des Flugzeugs zum nächstgelegenen Flughafen mit angeschlossener neurochirurgischer Versorgung medizinisch dringend geboten war.
Die Rettung
Der Kapitän entschied sich, nach Rücksprache mit mir und der Fluggesellschaft, für eine außerplanmäßige Landung in Island, wo wir binnen weniger Stunden eintrafen. In der Zwischenzeit betreute ich R.V., so gut es die Umstände zuließen, lagerte ihn vorsichtig, um eine weitere Verschlechterung durch unbedachte Bewegungen zu vermeiden, und beruhigte ihn und seine sichtlich verängstigte Frau, so gut ich konnte, während ich innerlich die begrenzten Möglichkeiten dieser improvisierten Situation gegen die Dringlichkeit seines Zustands abwog. Nach der Landung wurde R.V. umgehend in die örtliche Klinik gebracht, wo die dortigen Kollegen, denen ich meine Einschätzung ausführlich übermittelte, tatsächlich eine Blutung bestätigten und ihn noch in derselben Nacht erfolgreich operierten.
Der Weg zurück
R.V. erholte sich, dank der raschen Diagnose und der Umleitung des Flugzeugs, weitgehend vollständig, mit nur einer geringfügigen, sich weiter zurückbildenden Schwäche in einem Bein. Er kontaktierte mich, einige Wochen später, über die Fluggesellschaft, die den Kontakt vermittelte, um sich ausführlich zu bedanken, und schickte mir seine ursprüngliche, nun nutzlos gewordene Bordkarte jenes umgeleiteten Fluges, auf deren Rückseite er von Hand geschrieben hatte: „Die beste verpasste Landung meines Lebens.”
Die Nachwirkung
Dieser Fall hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie sehr unser Beruf uns manchmal, an den unerwartetsten Orten, wieder einholt, weit entfernt von jeder Klinik, jeder Bildgebung, jedem vertrauten Team. Ich habe seither, auf jedem längeren Flug, unwillkürlich einen Teil meiner Aufmerksamkeit für genau diese Möglichkeit reserviert, eine Wachsamkeit, die mich, glaube ich, seit jener Nacht über dem Atlantik nie mehr ganz verlassen hat. Meine Frau necken mich seither gelegentlich damit, dass ich auf jedem Flug, kaum sind wir an Bord, unauffällig registriere, wo sich die Notfallausrüstung befindet, eine Gewohnheit, die ich, ich gebe es zu, seit jener Nacht tatsächlich nie mehr abgelegt habe.
Ich bewahre R.V.s Bordkarte zwischen den Seiten meines Reisepasses auf, eine kleine, aber ständige Erinnerung daran, dass unser Handwerk keine festen Grenzen kennt, weder räumlich noch zeitlich. Ich greife nach der nächsten Karte, während draußen die Nacht endgültig hereinbricht und der Kasten vor mir spürbar leichter geworden ist als noch an jenem ersten Abend, an dem ich das druckfrische Belegexemplar von Band eins in Händen hielt.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."