Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Neunzig Karten
Ich lege C.M.s kleines Fläschchen beiseite, betrachte die neunzigste Karte dieses dritten Bandes, die ich soeben beschriftet habe, und lasse mir, wie schon einmal an einer ähnlichen Wegmarke zuvor, kurz Zeit für einen Rückblick.
Neunzig Karten. Ich hätte, als ich vor vielen Monaten mit jenem bewegenden Leserbrief begann, der mich zu diesem Archiv zurückführte, nicht gedacht, dass dieser dritte Band, allein gemessen an der schieren Zahl der erzählten Geschichten, seine beiden Vorgänger derart deutlich übertreffen würde. Ich habe, seit meiner letzten ausführlichen und ehrlichen Zwischenbilanz bei der fünfzigsten Karte, weiterhin versucht, jene bewusst spannungsreichere, mitunter deutlich rätselhaftere Erzählweise beizubehalten, die ich mir für diesen Band vorgenommen hatte, in der Hoffnung, dass sie Art Adoro als Autor tatsächlich jener deutlich breiteren Leserschaft näherbringt, die ich mir für diese Reihe wünsche.
Wenn ich auf diese neunzig, bemerkenswerten Karten zurückblicke, auf den Parfümeur, der seine eigene Nase plötzlich nicht mehr zu kennen glaubte, auf die Schlittenhundeführerin, deren erste Sorge nach ihrem Sturz ihrem Hundeteam galt, auf den Buchbinder, dessen Hände jahrhundertealte Dokumente bewahrten, dann fällt mir erneut, mit besonderer Deutlichkeit, auf, wie unerschöpflich die menschliche Vielfalt tatsächlich ist, wenn man nur bereit ist, jedem einzelnen Patienten mit echter, aufrichtiger und geduldiger Neugier zu begegnen. Jede einzelne dieser Geschichten hat mich, auf ihre eigene, unverwechselbare Weise, gelehrt, wie viele unterschiedliche, ganz eigene Formen von Hingabe, Verantwortung und Liebe Menschen in ihrem jeweiligen, oft sehr unterschiedlichen Leben entwickeln können.
Ich habe, in den vergangenen, zahlreichen Kapiteln dieses Bandes, auch verstärkt biografische Stationen meines eigenen, doppelten Lebens sorgfältig eingeflochten, von der Entstehung meiner verschiedenen, so unterschiedlichen Buchreihen bis zu jenen persönlichen, verletzlichen Momenten, die ich in früheren Bänden noch nicht mit derselben Offenheit geteilt hatte. Ich merke, während ich diese Zeilen schreibe, wie sehr mich diese zunehmende Offenheit selbst verändert hat, wie sie mir erlaubt, mein eigenes, doppeltes Leben als Chirurg und Erzähler noch vollständiger zu integrieren, statt beide Hälften, wie in früheren Jahren, getrennt voneinander zu betrachten.
Meine Frau fragte mich, vor wenigen Tagen, ob ich selbst erwartet hätte, dass dieser Band eine derart umfangreiche Gestalt annehmen würde, und ich musste ihr, ehrlich gesagt, gestehen, dass ich es nicht erwartet hatte, dass mich die schiere Fülle der Geschichten, die sich in meinem Karteikasten und in meinem Gedächtnis über die Jahre angesammelt haben, selbst überrascht hat. Sie erwiderte, mit einem nachdenklichen Lächeln, dass sie diese Entwicklung keineswegs überraschend finde, sondern vielmehr als logische Konsequenz eines Lebens betrachte, das, wie das meine, gleich zwei vollständige berufliche Existenzen in sich vereint habe, jede davon reich genug an Begegnungen, um für sich allein schon mehrere Bände zu füllen.
Ich habe, während ich über diese neunzig Karten nachdenke, auch bemerkt, wie sehr sich mein eigener Schreibrhythmus über die Monate dieses Bandes verändert hat, von anfänglich eher vorsichtigen, fast schon zögerlichen ersten Kapiteln hin zu einer zunehmend selbstbewussteren, freieren Erzählweise, die ich mir zu Beginn dieses Projekts selbst kaum zugetraut hätte. Diese Entwicklung, die ich erst im Rückblick auf diese neunzig Karten wirklich bewusst wahrnehme, hat mich mit einer stillen, aber tiefen Zufriedenheit erfüllt, dass auch das Schreiben selbst, ähnlich wie jede andere Fertigkeit, die man über Jahrzehnte übt, kontinuierlich weiterwächst und sich verfeinert.
Ich greife, mit erneuerter Energie und stiller Vorfreude, nach der einundneunzigsten Karte dieses Bandes, ohne zu wissen, wie viele weitere Geschichten noch folgen werden, aber mit der festen, unerschütterlichen Gewissheit, dass der Kasten noch lange nicht sein endgültiges Ende erreicht hat, und dass jede einzelne dieser neunzig Geschichten, auf ihre eigene, unverwechselbare Weise, zu jenem größeren, fortlaufenden Gewebe menschlicher Erfahrung beigetragen hat, das dieses Archiv seit seinem allerersten Band zu weben versucht.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."