Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Für Dich

Karteikarte Nr. 084 — Datum: mein letzter gemeinsamer Arbeitstag mit meiner langjährigsten OP-Schwester. Kürzel: I.K., OP-Pflegekraft, siebenundzwanzig gemeinsame Jahre. Stichwort: kein Patientenfall, sondern eine Kollegin, ohne die keine einzige meiner Operationen gelungen wäre. Notiz, in zittriger Handschrift: “Für Dich.”

Der Fall

Diese Karte handelt nicht von einem Patienten, sondern von I.K., der OP-Schwester, die mich durch siebenundzwanzig Jahre meiner Laufbahn begleitete, von meinen ersten unsicheren Handgriffen als junger Facharzt bis zu meinem letzten Tag im OP-Saal. Es gibt in unserem Beruf eine besondere, oft unterschätzte Form der Partnerschaft, die zwischen einem Operateur und der Instrumentierenden entsteht, die über Jahre hinweg genau weiß, welches Instrument man braucht, bevor man selbst danach greift, die die eigene Anspannung in schwierigen Momenten spürt, ohne dass ein Wort gewechselt werden muss. I.K. war für mich diese Partnerin, in buchstäblich Tausenden von Operationen, von der einfachsten Bandscheiben-OP bis zu den kompliziertesten, stundenlangen Eingriffen, die dieses Buch beschreibt.

Die Wendung

An ihrem letzten Arbeitstag vor der eigenen Pensionierung, einige Jahre bevor ich selbst in den Ruhestand ging, organisierte die Abteilung, wie es üblich ist, eine kleine Feier, mit Kuchen und ein paar freundlichen Worten. Ich hatte mir vorgenommen, bei dieser Gelegenheit eine kurze, angemessene Rede zu halten, über ihre fachliche Kompetenz, ihre Zuverlässigkeit, die üblichen, wenn auch aufrichtig gemeinten Worte, die man bei solchen Anlässen spricht. Doch als ich vor der versammelten Abteilung stand, merkte ich, dass diese vorbereiteten Worte dem, was ich eigentlich sagen wollte, nicht gerecht wurden. Ich begann stattdessen, ohne Manuskript, von einer konkreten Nacht zu erzählen, einer der schwierigsten Operationen meiner Laufbahn, in der ich, mitten in einer kritischen Phase, kurz die Fassung zu verlieren drohte, und in der I.K., ohne dass ich ein Wort sagen musste, mir ruhig das nächste Instrument reichte und mit einem einzigen, knappen Satz sagte: „Sie schaffen das. Wie immer.” Diese vier Worte, sagte ich der versammelten Abteilung, hätten mich in jenem Moment mehr getragen als jede technische Fertigkeit, die ich mir je angeeignet hatte.

Die Rettung

I.K. stand, während ich sprach, sichtlich gerührt am Rand des Raumes, und als ich geendet hatte, trat sie auf mich zu und drückte mir wortlos eine kleine, selbstgebastelte Karte in die Hand, auf der, in einer Handschrift, die im Vergleich zu früheren Jahren bereits spürbar zittriger geworden war, nur zwei Worte standen: „Für Dich.” Im Inneren der gefalteten Karte fand ich, säuberlich aufgeklebt, ein winziges Foto von uns beiden aus unserem allerersten gemeinsamen Operationsjahr, das sie all die Jahre über aufbewahrt hatte, ohne dass ich je davon gewusst hätte.

Der Weg zurück

Ich habe I.K. nach ihrer Pensionierung noch mehrfach getroffen, bei zufälligen Begegnungen in der Stadt, bei einem gemeinsamen Mittagessen, zu dem ich sie Jahre später einlud, um mich, endlich in Ruhe und ohne den Zeitdruck des Klinikalltags, bei ihr zu bedanken. Sie erzählte mir bei diesem Essen, mit einem Lachen, das ich aus all den gemeinsamen Jahren im OP-Saal kannte, von ihrem neuen Leben, ihrem Garten, den Enkelkindern, denen sie inzwischen mehr Zeit widmen konnte, und fragte mich, fast beiläufig, ob ich mich noch an jene eine Nacht erinnere, die ich in meiner Rede erwähnt hatte. Ich sagte ihr, dass ich mich an jede einzelne Operation mit ihr erinnere, was, wie ich zugeben musste, nicht ganz der Wahrheit entsprach, dass aber genau diese eine Nacht mir tatsächlich für immer im Gedächtnis bleiben würde.

Die Nachwirkung

Diese Karte trägt keinen medizinischen Fall, und doch gehört sie, mehr als manch dramatische Operation, in dieses Archiv, weil sie mich daran erinnert, dass keine einzige der Geschichten, die ich in diesem Buch und im ersten Band erzählt habe, ohne die stillen, oft ungenannten Menschen im Hintergrund möglich gewesen wäre, die Pflegekräfte, die Anästhesisten, die OP-Schwestern, deren Namen selten in den Dankesreden der Patienten fallen und die doch, jeden einzelnen Tag, den entscheidenden Unterschied machen.

Ich bewahre das kleine Foto, das I.K. mir schenkte, seither zwischen den Seiten meines eigenen Exemplars des ersten Bandes auf, wie ein stilles Lesezeichen. Ich greife nach der nächsten Karte, während draußen die letzten Reste des Sturms endgültig abgezogen sind und ein klarer, sternenübersäter Himmel über dem See erscheint.

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Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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