Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Fünfzig Karten später
Ich lege die Feder für einen kurzen Moment beiseite, betrachte still die fünfzigste Karte dieses dritten Bandes, die ich soeben mit fester Hand beschriftet habe, und lasse mir, wie schon einmal an ähnlichen, bedeutsamen Wegmarken zuvor, kurz Zeit für einen ruhigen Rückblick.
Fünfzig Karten. Ich hätte, als ich diesen dritten Band vor vielen Monaten begann, mit jenem bewegenden Brief einer Leserin, deren eigene Geschichte sich, wie ich in einem früheren Kapitel bereits erzählt habe, auf so unerwartete Weise mit diesem Buch verweben sollte, nicht gedacht, dass ich mich, Monate später, an einem Abend wie diesem wiederfinden würde, mit einem Karteikasten, der sich, Karte für Karte, immer weiter leert, während sich gleichzeitig der Stapel der bereits sorgfältig erzählten Geschichten neben mir immer höher türmt.
Wenn ich auf diese fünfzig Karten zurückblicke, auf den Dirigenten, der mitten im Konzert zusammenbrach, auf die Höhlenforscherin, die vierzehn Stunden auf ihre Rettung wartete, auf den Falkner, dessen ruhige Hand das Vertrauen eines wilden Tieres zurückgewinnen musste, dann fällt mir vor allem eines auf: Wie unterschiedlich die Wege sind, auf denen Menschen in meine Behandlung gelangen, und wie ähnlich, bei aller äußerlichen Verschiedenheit, ihre grundlegendsten Ängste und Hoffnungen letztlich sind. Jeder von ihnen, ob Schachgroßmeister oder Bergführer, Kunstrestaurator oder anonymer Wohltäter, brachte, neben seiner eigentlichen Verletzung, eine ganze Welt an persönlicher Geschichte mit in mein Sprechzimmer, eine Welt, die ich, Karte für Karte, in diesem Archiv festzuhalten versuche.
Ich habe, in diesem dritten Band, ganz bewusst mehr Wert auf die überraschenden, mitunter rätselhaften Wendungen gelegt, die manche dieser Geschichten mit sich brachten, eine Erzählweise, die mir, wie ich freimütig zugeben muss, selbst neue, unerwartete Freude am Schreiben bereitet hat. Ich habe entdeckt, dass die Wirklichkeit, wenn man nur genau und geduldig genug hinschaut, mindestens ebenso viele überraschende Wendungen bereithält wie jede erfundene Kriminalgeschichte, und dass gerade diese unerwarteten Wendungen, so glaube ich fest, meinen Lesern helfen, sich noch tiefer und unmittelbarer in die jeweilige Geschichte hineinzuversetzen.
Meine Frau fragte mich, vor wenigen Tagen, beim gemeinsamen Abendessen, wie viele Karten ich für diesen Band insgesamt vorgesehen habe, eine Frage, die ich, ehrlich gesagt, selbst noch nicht abschließend beantworten kann.
Ich habe gelernt, mich bei dieser Reihe nicht von einer im Voraus festgelegten Zahl leiten zu lassen, sondern von der Fülle der Geschichten selbst, die sich, wie es scheint, mit jeder neuen Karte, die ich beschrifte, noch nicht erschöpft hat. Ich antwortete ihr, mit einem Lächeln, das sie inzwischen sehr genau zu deuten weiß, dass ich es selbst nicht wisse, und dass genau diese Ungewissheit, anders als es in meinem früheren, planvoll strukturierten chirurgischen Leben je hätte sein können, zu einer der größten Freuden meines heutigen Daseins als Autor geworden ist.
Ich denke, während ich diese fünfzigste Karte betrachte, auch an all die Leserinnen und Leser, die mir, seit Beginn dieser Reihe, geschrieben haben, an ihre eigenen Geschichten, die sie mir anvertraut haben, und an das stille, aber beständig wachsende Netz aus Menschen, die sich, wie es scheint, in diesem Archiv wiederfinden, unabhängig davon, ob sie selbst je eine ähnliche medizinische Erfahrung gemacht haben.
Ich hoffe, dass diese fünfzig Karten, ebenso wie die fünfzig, die ihnen vorausgingen und die vielen, die ihnen noch folgen werden, ihnen ein wenig von jener Menschlichkeit vermitteln konnten, die mich selbst, all die Jahrzehnte über, in diesem doppelten Beruf des Heilens und Erzählens getragen hat.
Ich greife, mit erneuerter Energie nach diesem kurzen, bewussten Innehalten, nach der einundfünfzigsten Karte dieses Bandes, in der festen, unerschütterlichen Überzeugung, dass der Kasten, so voll er mir zu Beginn dieses langen Abends noch erschien, noch lange nicht sein endgültiges Ende erreicht hat.
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Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."