Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Ein gewöhnlicher Tag in zwei Leben
Ich lege H.G.s Karte beiseite, schenke mir ein letztes Glas Wein für diesen Abend ein, und lasse, statt einer weiteren einzelnen Erinnerung, einmal einen ganz gewöhnlichen Tag meines heutigen Lebens an mir vorüberziehen, um jenen Lesern, die sich das vielleicht schon gefragt haben, eine Antwort zu geben: Wie sieht ein Tag im Leben eines Mannes aus, der gleichzeitig Udo Schlot und Art Adoro ist?
Mein Tag beginnt, wie er es all die vielen Jahre über getan hat, früh, meist noch vor sechs Uhr, mit einem ersten, ruhigen Kaffee auf unserer Terrasse mit Blick auf den See, unabhängig von der jeweiligen Jahreszeit. Diese erste, stille Morgenstunde gehört ausschließlich mir selbst, ohne Telefon, ohne Manuskript, nur begleitet vom langsamen Erwachen des Tageslichts über dem Wasser, eine Gewohnheit, die ich mir aus meinen aktiven Klinikjahren bewährt habe, als diese frühen Morgenstunden oft die einzige Zeit waren, die mir wirklich allein gehörte.
Gegen sieben Uhr morgens setze ich mich an meinen vertrauten Schreibtisch, für gewöhnlich drei bis vier hochkonzentrierte Stunden, in denen ich, je nach aktuellem Projekt, an einem neuen Manuskript arbeite oder, wie in den vergangenen Monaten, an diesem dritten Band meines Archivs. Ich halte mich, in diesen Vormittagsstunden, an eine feste Regel, die ich mir vor Jahren selbst auferlegt habe: keine E-Mails, keine Telefonate, keine Verlagsangelegenheiten, ausschließlich das eigentliche Schreiben, eine Disziplin, die mich in meinen ersten Autorenjahren viel Übung kostete, mir inzwischen aber zur zweiten Natur geworden ist.
Der Nachmittag gehört, je nach jeweiligem Wochentag, unterschiedlichen Aufgaben: manchmal den administrativen, oft zeitraubenden Angelegenheiten meines Verlags, manchmal meiner gelegentlichen, geschätzten telemedizinischen Beratungstätigkeit, von der ich in einem früheren Kapitel dieses Bandes bereits erzählt habe, manchmal einfach einem ausgedehnten, gemeinsamen Spaziergang mit meiner Frau entlang des Sees, bei dem wir, ganz ohne feste Agenda, über alles Mögliche sprechen, von unseren jeweiligen Tagesgeschäften bis zu den vielen kleinen, alltäglichen Beobachtungen, die unseren gemeinsamen Alltag prägen.
Die Abende gehören, seit jeher, dem knisternden Kamin, dem Klavier meiner Frau, und, an vielen Tagen, genau diesem Karteikasten, aus dem die Geschichten dieses Archivs entstehen. Ich habe gelernt, dass dieses scheinbar einfache, beinahe altmodische Tagesgerüst mir über die Jahre eine Stabilität gegeben hat, die weder meine frühere, hektische Chirurgenlaufbahn noch die ersten, unsicheren Jahre meines schriftstellerischen Neubeginns in dieser Form kannten.
Ich schließe dieses kurze Kapitel eines gewöhnlichen Tages, während draußen die Dämmerung hereinbricht, und greife nach der nächsten Karte, mit dem vertrauten, dankbaren Gefühl, dass dieser eine, immer wiederkehrende Rhythmus mir all die Jahre über erlaubt hat, beide meiner Leben, das des Arztes und das des Erzählers, in einer für mich stimmigen Balance zu vereinen. Ich denke manchmal, wenn mich Journalisten oder Leser nach dem Geheimnis meiner Produktivität fragen, an genau diesen Tagesablauf zurück, an die schlichte, aber wirkungsvolle Erkenntnis, dass es weniger auf lange, erschöpfende Arbeitsphasen ankommt als auf eine verlässliche, über Jahre eingehaltene Routine, die dem Schreiben, ebenso wie früher der Chirurgie, ihren festen, geschützten Platz im Tagesablauf zuweist.
Ich bin mir bewusst, dass dieser geordnete, beinahe klösterliche Tagesrhythmus nicht jedem gegeben ist, und dass ich, mit meiner Frau an meiner Seite und ohne die zeitlichen Zwänge einer aktiven klinischen Anstellung, in einer privilegierten Lage bin, mir diese Struktur überhaupt erlauben zu können. Ich bin dankbar, jeden einzelnen Tag aufs Neue, für diese Freiheit, die mir mein langes, arbeitsreiches erstes Berufsleben letztlich ermöglicht hat, und ich versuche, mir diese Dankbarkeit, trotz der Routine, die manchmal Gefahr läuft, zur bloßen Gewohnheit zu werden, bewusst immer wieder neu ins Gedächtnis zu rufen, wenn ich morgens mit meinem ersten Kaffee auf der Terrasse sitze und über den ruhigen See blicke.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."