Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Drei Alarme in einer Nacht

Karteikarte Nr. 006 — Datum: eine einzige, außergewöhnlich chaotische Nachtschicht. Kürzel: drei parallele Notfälle, alle innerhalb von zwanzig Minuten. Stichwort: eine Entscheidung, die ich in Sekunden treffen musste, mit Konsequenzen, die mich bis heute beschäftigen. Notiz am Rand: “Die schwerste Entscheidung meiner gesamten Laufbahn traf ich in weniger als einer Minute.”

Der Fall

Es begann mit einem einzigen Notruf, kurz nach Mitternacht, einem jungen Mann mit einem Wirbelbruch nach einem Motorradunfall. Noch während ich die ersten Vorbereitungen für seine Operation traf, erreichten uns, innerhalb weniger Minuten, zwei weitere, ebenso kritische Notfälle: eine Frau mittleren Alters mit einer akuten Rückenmarkskompression nach einem

häuslichen Sturz, und ein Kind mit Verdacht auf eine schwere Kopfverletzung nach einem Fahrradunfall. Drei Patienten, alle mit einer Dringlichkeit, die keinen Aufschub duldete, und nur ich als der zu jenem Zeitpunkt einzige verfügbare Neurochirurg im Haus.

Die Wendung

Ich stand, binnen weniger Minuten, vor einer Entscheidung, wie ich sie in dieser Form nie zuvor hatte treffen müssen: Welchen der drei Patienten würde ich zuerst operieren, während die beiden anderen, jeder für sich in einem kritischen, sich möglicherweise weiter verschlechternden Zustand, auf ihre Behandlung warten mussten? Ich rief, in einer fieberhaften Reihe von Telefonaten, jeden verfügbaren Kollegen unserer Region an, in der Hoffnung, zusätzliche Unterstützung zu organisieren, während ich gleichzeitig, mit meinem Team, die drei Fälle nach der bestmöglichen medizinischen Einschätzung priorisierte.

Die Rettung

Ein pensionierter Kollege, den ich aus schierer Verzweiflung anrief, erklärte sich bereit, trotz der späten Stunde, umgehend in die Klinik zu kommen und einen der drei Fälle zu übernehmen, eine Geste kollegialer Solidarität, die mir in diesem Moment mehr bedeutete, als er vermutlich je erfahren wird. Wir operierten, in einer choreografierten, fast parallel ablaufenden Anstrengung, alle drei Patienten innerhalb der folgenden sechs Stunden, ich selbst zwei der drei Fälle nacheinander, mein pensionierter Kollege den dritten, unter einer Anspannung, die mich, im Rückblick, an die Grenze meiner physischen und mentalen Belastbarkeit brachte.

Der Weg zurück

Alle drei Patienten überlebten jene Nacht, und alle drei erholten sich, in den folgenden Wochen, gut von ihren jeweiligen Verletzungen, ohne bleibende neurologische Schäden. Und doch hat mich die Entscheidung, die ich in jenen ersten, chaotischen Minuten treffen musste, welchen Patienten ich zuerst behandeln würde, noch lange danach beschäftigt, ein Gedanke, der mich in den folgenden Nächten wiederholt aus dem Schlaf riss, obwohl das Ergebnis, rückblickend, für alle drei gut ausging.

Die Nachwirkung

Diese eine Nacht hat mich, mehr als jede andere Erfahrung meiner gesamten Laufbahn, mit der Fragilität unseres medizinischen Versorgungssystems konfrontiert, das für gewöhnliche Nächte gut gerüstet ist, aber bei einer solchen, statistisch seltenen Häufung kritischer Fälle an seine Grenzen stößt. Ich habe mich, seither, aktiv für eine bessere Bereitschaftsplanung an Wochenendnächten eingesetzt, in dem Bewusstsein, dass das gute Ende jener Nacht auch ein Stück Glück war, das sich nicht auf jede vergleichbare Situation verlassen lässt. Ich habe, gemeinsam mit unserer Klinikleitung, in den folgenden Monaten ein System für kurzfristig abrufbare Zusatzunterstützung entwickelt, das genau solche Häufungen kritischer Fälle künftig besser abfangen soll, auch wenn ich weiß, dass sich eine absolute Sicherheit gegen derart seltene, statistische Ausreißer letztlich nie vollständig herstellen lässt.

Der pensionierte Kollege, der mir in jener Nacht so bereitwillig zur Seite sprang, erzählte mir später, mit einem müden, aber zufriedenen Lächeln, dass ihn genau diese eine Nacht daran erinnert habe, wie sehr er unseren Beruf, trotz allem, vermisst hatte, eine unerwartete, versöhnliche Wendung, die mich, angesichts der Anspannung jener Stunden, im Nachhinein besonders berührte.

Ich lege die drei Karten jener Nacht, zum ersten Mal gemeinsam in meinem Archiv, nebeneinander, und ziehe, mit einer noch immer spürbaren Anspannung, die nächste, hoffentlich ruhigere Karte aus dem Kasten.

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Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."