Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre

Die zwölf Stunden

Karteikarte Nr. 090 — Datum: gewöhnlicher Dienstagmorgen, der zu einem Wettlauf wurde. Kürzel: B.K., 55 J. Stichwort: spinaler Epiduralabszess, rasch fortschreitende Lähmung, Diagnose und Operation innerhalb weniger Stunden. Notiz am Rand: “Zwölf Stunden zwischen den ersten Symptomen und dem Rollstuhl, den es nie gab.”

Der Fall

B.K. war fünfundfünfzig, als er sich an einem gewöhnlichen Montagabend mit leichtem Rückenschmerz und mäßigem Fieber bei seinem Hausarzt vorstellte, der zunächst, nicht unvernünftig, von einer gewöhnlichen Rückenverspannung in Kombination mit einem grippalen Infekt ausging und ihm Schonung verordnete. In der folgenden Nacht verschlimmerten sich seine Schmerzen erheblich, und am frühen Dienstagmorgen bemerkte er ein zunehmendes Kribbeln in beiden Beinen, dass ihn schließlich, gegen sieben Uhr, dazu bewegte, seine Frau zu bitten, ihn direkt in unsere Notaufnahme zu fahren, anstatt erneut beim Hausarzt anzurufen, eine, wie sich zeigen sollte, lebensrettende Entscheidung.

Die Wendung

Als ich B.K. gegen acht Uhr morgens untersuchte, zeigte er bereits eine deutliche, sich rasch verschlechternde Schwäche in beiden Beinen. Die sofort angeordnete Bildgebung bestätigte meinen ersten, dringenden Verdacht: einen spinalen Epiduralabszess, eine Eiteransammlung im Wirbelkanal, die zunehmend auf das Rückenmark drückte, eine seltene, aber hochgefährliche Komplikation, vermutlich ausgehend von einer kleinen, unbemerkten Hautinfektion, die sich über die Blutbahn auf die Wirbelsäule ausgebreitet hatte. Ein solcher Abszess zählt zu den wahren neurochirurgischen Notfällen, bei denen buchstäblich jede verstrichene Stunde über das Ausmaß einer möglicherweise bleibenden Lähmung entscheiden kann. Ich informierte B.K. und seine Frau mit aller gebotenen Dringlichkeit, ohne sie dabei unnötig zu ängstigen, dass wir innerhalb der nächsten Stunde operieren mussten.

Die Rettung

Wir brachten B.K. binnen weniger als einer Stunde nach seiner Einlieferung in den OP-Saal, eröffneten den Wirbelkanal an der betroffenen Stelle und entfernten den Abszess, wobei wir gleichzeitig Proben für die anschließende, gezielte Antibiotikabehandlung sicherten. Die Operation selbst dauerte, angesichts der Dringlichkeit und der vergleichsweise klar umrissenen Aufgabe, nicht außergewöhnlich lange, aber die zwölf Stunden zwischen B.K.s ersten deutlichen neurologischen Symptomen am frühen Morgen und dem Abschluss der Operation am frühen Nachmittag empfand ich, während wir arbeiteten, als einen der intensivsten Wettläufe gegen die Zeit meiner gesamten Laufbahn, intensiver noch, weil ich genau wusste, wie eng das Zeitfenster für ein gutes neurologisches Ergebnis bei dieser speziellen Diagnose tatsächlich ist.

Der Weg zurück

B.K.s Beine begannen, bereits am Abend nach der Operation, erste Anzeichen zurückkehrender Kraft zu zeigen, ein ermutigendes Signal, das sich in den folgenden Tagen, unterstützt durch eine mehrwöchige, gezielte intravenöse Antibiotikatherapie, kontinuierlich fortsetzte.

Er verließ unsere Klinik nach drei Wochen ohne bleibende neurologische Einschränkung, ein Ausgang, der angesichts der Schwere und Geschwindigkeit seines ursprünglichen Krankheitsverlaufs keineswegs selbstverständlich gewesen war. Sein Hausarzt, den ich über den Verlauf informierte, rief mich später selbst an, sichtlich erleichtert, aber auch nachdenklich über die Schwierigkeit, eine derart seltene, sich zunächst harmlos präsentierende Komplikation frühzeitig zu erkennen.

Die Nachwirkung

B.K.s Fall gehört zu jenen Geschichten in meinem Archiv, die mich am eindrücklichsten daran erinnern, wie schmal manchmal der Grat zwischen einer vollständigen Genesung und einer lebenslangen, schweren Behinderung ist, und wie entscheidend dabei nicht nur die eigentliche medizinische Behandlung, sondern auch das rechtzeitige, oft von Laien getroffene Urteil ist, dass „irgendetwas nicht stimmt” und sofortiges Handeln notwendig macht.

B.K.s Frau, die an jenem Morgen auf ihr eigenes Bauchgefühl vertraute, statt erneut abzuwarten, hat, davon bin ich überzeugt, mindestens ebenso viel zu seiner vollständigen Genesung beigetragen wie das gesamte medizinische Team, das an jenem Tag für ihn arbeitete.

Ich schließe für heute Abend den Kasten, das Feuer ist längst erloschen, nur die Glut wirft noch einen schwachen, roten Schein in den Raum. Morgen, denke ich, während ich die Treppe zu meinem Schlafzimmer hinaufsteige, werde ich mit den nächsten Karten fortfahren.

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Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."