Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Die Weinlese, die aus dem Ruder lief

Karteikarte Nr. 021 — Datum: Spätsommer, Höhepunkt der jährlichen Weinlese. Kürzel: F.H., 44 J., Winzer. Stichwort: Sturz von einem improvisierten Erntegerüst, Wirbelsäulenverletzung mitten in der wichtigsten Woche des Weinjahres. Notiz: eine kleine Flasche des Weins, dessen Trauben an jenem Tag geerntet wurden.

Der Fall

F.H. war vierundvierzig Jahre alt, Winzer bereits in vierter Generation, mitten in der arbeitsintensivsten Woche seines gesamten Jahres, als er von einem improvisierten, selbst zusammengebauten Gerüst stürzte, das er nutzte, um besonders hoch wachsende Rebstöcke zu ernten. Er erlitt dabei einen Wirbelbruch, der eine sofortige operative Behandlung erforderlich machte, zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, wie er mir, noch unter erheblichen Schmerzen, mehrfach eindringlich zu erklären versuchte: Die Trauben mussten, bei optimaler Reife, innerhalb weniger Tage geerntet werden, sonst drohte der Verlust eines ganzen Jahrgangs.

Die Wendung

Ich verstand, ähnlich wie bei anderen Patienten mit zeitlich eng begrenzten beruflichen Verpflichtungen, deren Geschichten ich bereits erzählt habe, die immense wirtschaftliche und emotionale Bedeutung, die diese eine Erntewoche für F.H. und seine gesamte Familie besaß. Die Bildgebung bestätigte einen stabilen, aber dennoch operationsbedürftigen Wirbelbruch, und ich musste F.H. die unangenehme, aber unumgängliche Wahrheit vermitteln, dass eine Operation unverzüglich erfolgen musste, unabhängig davon, wie ungelegen der Zeitpunkt für seinen Betrieb auch war.

Die Rettung

Wir operierten F.H. noch am selben Tag, ohne jede Verzögerung, eine Stabilisierung des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts, die ohne Komplikationen verlief. Während er selbst die kommenden Tage in unserer Klinik verbringen musste, organisierte seine Familie, unterstützt von mehreren benachbarten Winzern, die sich spontan zur Hilfe bereit erklärten, eine improvisierte, aber letztlich erfolgreiche Fortsetzung der Weinlese, eine Solidarität innerhalb der örtlichen Winzergemeinschaft, die mich, als ich davon erfuhr, tief beeindruckte.

Der Weg zurück

F.H. erholte sich gut und rasch von seiner Operation, und der Jahrgang, um den er sich zum Zeitpunkt seines Unfalls solche Sorgen gemacht hatte, wurde, dank der solidarischen Hilfe seiner Nachbarn, tatsächlich rechtzeitig eingebracht und entwickelte sich, wie er mir bei einem späteren Kontrolltermin mit sichtlichem, berechtigtem Stolz berichtete, zu einem der allerbesten Jahrgänge seines gesamten Betriebs. Er schenkte mir eine der allerersten Flaschen dieses besonderen Jahrgangs, versehen mit einem handgeschriebenen, liebevoll gestalteten Etikett, das den Tag seines Sturzes als besonderen Vermerk trug.

Die Nachwirkung

F.H.s Geschichte hat mich einmal mehr daran erinnert, wie eng manche berufliche Existenzen an ganz bestimmte, unverrückbare Zeitfenster gebunden sind, und wie viel Solidarität innerhalb bestimmter Berufsgemeinschaften entstehen kann, wenn einer ihrer Mitglieder in Not gerät. Ich habe diesen Wein, den er mir schenkte, bislang bewusst nicht geöffnet, sondern bewahre ihn, als besonders symbolträchtiges Erinnerungsstück, gemeinsam mit den anderen Karten dieses Archivs auf. Ich habe, seit diesem Fall, mit besonderem Interesse verfolgt, wie sich innerhalb kleinerer, regional verwurzelter Berufsgemeinschaften, seien es Winzer, Landwirte oder Handwerker, oft eine ganz eigene, unausgesprochene Solidarität entwickelt, die weit über das hinausgeht, was ich aus großstädtischeren, anonymeren Arbeitsumfeldern kenne.

F.H. besuchte mich, im folgenden Jahr, gemeinsam mit mehreren der Nachbarn, die ihm bei jener denkwürdigen Erntewoche geholfen hatten, zu einer kleinen, informellen Feier in seinem eigenen Weinkeller, zu der er mich als Ehrengast einlud. Ich verbrachte, an jenem Abend, mehrere Stunden in angeregten Gesprächen über die Feinheiten der Weinbereitung, ein Thema, das mich, als bekennenden Weinliebhaber, ohnehin seit Langem fasziniert, und kehrte, spät in der Nacht, mit einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit für die vielfältigen, oft unerwarteten Freundschaften nach Hause, die mir mein Beruf über die Jahrzehnte beschert hat.

Ich lege F.H.s Karte sorgfältig zurück in den Kasten und ziehe, mit einem nachdenklichen Blick auf die kleine Flasche in meinem Regal, die nächste Karte, gespannt auf die Geschichte, die sie birgt.

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