Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Die wache Operation

Karteikarte Nr. 089 — Datum: Herbst. Kürzel: C.W., 47 J., Musikerin. Stichwort: Operation am wachen Patienten zur Schonung sprachrelevanter Hirnareale, Selbsthypnose zur Angstbewältigung während des Eingriffs. Notiz: eine kleine Partitur, handschriftlich, “Meine Musik während der OP”.

Der Fall

C.W. war siebenundvierzig, Berufsmusikerin, als bei ihr ein Tumor entdeckt wurde, der gefährlich nah an jenen Hirnarealen lag, die für Sprache und, in ihrem speziellen Fall, möglicherweise auch für ihr musikalisches Gehör von Bedeutung waren. Um diese hochsensiblen Areale während der Operation bestmöglich zu schonen, war eine Wach-Kraniotomie notwendig, ein Eingriff, bei dem die Patientin während eines Teils der Operation bei vollem Bewusstsein bleibt, damit wir, durch gezielte Sprach- und in ihrem Fall sogar musikalische Tests, in Echtzeit kontrollieren können, ob unsere chirurgischen Maßnahmen kritische Funktionen beeinträchtigen. Als ich ihr diese Notwendigkeit erklärte, reagierte C.W. nicht, wie viele Patienten, mit Entsetzen, sondern mit einer bemerkenswert sachlichen Neugier, die mich überraschte.

Die Wendung

C.W. erzählte mir, bei unserem Vorgespräch, dass sie seit Jahren regelmäßig Selbsthypnose praktiziere, ursprünglich, um ihr Lampenfieber vor großen Konzerten zu bewältigen, und fragte mich, ob es möglich wäre, diese Technik auch während der wachen Phase der Operation anzuwenden, anstatt ausschließlich auf die üblichen medikamentösen Beruhigungsmittel zurückzugreifen. Ich war zunächst zurückhaltend, sprach aber ausführlich mit unserem Anästhesie-Team und mit einer Kollegin, die selbst Erfahrung mit hypnotherapeutischen Verfahren hatte, und wir kamen gemeinsam zu der Einschätzung, dass eine begleitende Selbsthypnose, kombiniert mit den notwendigen medizinischen Sicherheitsmaßnahmen, in ihrem Fall vertretbar und möglicherweise sogar hilfreich sein könnte, um die für sie belastende Wachphase besser zu bewältigen.

Die Rettung

Während des entscheidenden, wachen Teils der Operation versetzte sich C.W., mit leiser Anleitung der begleitenden Kollegin, in einen selbst induzierten, konzentrierten Entspannungszustand, während ich gleichzeitig, Millimeter für Millimeter, in unmittelbarer Nähe der kritischen Sprachareale arbeitete. In regelmäßigen Abständen bat ich sie, kurze Sätze nachzusprechen und, was in dieser Form für mich ein Novum war, kurze Melodiefragmente aus einer Partitur zu summen, die sie eigens für diesen Zweck mitgebracht hatte, um sicherzustellen, dass auch die für ihre Musikalität relevanten Areale unversehrt blieben. Die Kombination aus ihrer bemerkenswerten inneren Ruhe und unserer kontinuierlichen funktionellen Kontrolle ermöglichte es mir, den Tumor nahezu vollständig zu entfernen, ohne die geringste Beeinträchtigung ihrer Sprache oder ihres musikalischen Gehörs.

Der Weg zurück

C.W. erholte sich rasch und vollständig, kehrte bereits wenige Monate nach der Operation zu ihrer musikalischen Tätigkeit zurück, mit einer Präzision ihres Gehörs, die, wie sie mir bei einem späteren Kontrolltermin versicherte, in keiner Weise beeinträchtigt war. Sie lud mich, aus Dankbarkeit, zu einem ihrer nächsten Konzerte ein, bei dem sie, wie sie mir vorab verriet, bewusst genau jenes Musikstück aufführte, das sie während der Operation gesummt hatte.

Die Nachwirkung

C.W.s Fall hat mir gezeigt, dass die Grenze zwischen etablierter Schulmedizin und ergänzenden, mentalen Techniken wie der Selbsthypnose keineswegs so starr sein muss, wie ich es selbst früher angenommen hätte, solange beide Seiten offen und mit gegenseitigem fachlichem Respekt zusammenarbeiten, ohne die notwendige medizinische Sicherheit dabei je zu kompromittieren. Ich habe seither mehreren Patienten mit ähnlichen mentalen Vorerfahrungen die Möglichkeit angeboten, eigene, individuelle Bewältigungsstrategien in eine wache Operation zu integrieren, immer unter derselben sorgfältigen fachlichen Begleitung wie bei C.W. Nicht jeder Patient bringt eine derart geübte Technik mit, aber die Grundidee dahinter, den Menschen mit seinen eigenen Ressourcen aktiv in einen Prozess einzubeziehen, der ihn sonst ausschließlich als passiv Behandelten sieht, hat meine Herangehensweise an wache Operationen seither nachhaltig verändert.

Ich lege die kleine, handschriftliche Partitur, die sie mir nach dem Konzert schenkte, zu meinen anderen Erinnerungsstücken, während draußen die ersten Herbststürme um das Haus pfeifen, und ziehe die nächste Karte aus dem allmählich schmaler werdenden Stapel unbeschriebener Blätter.

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