Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Die vierzehn Minuten
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Höhlenexpedition, tief unter der Erde. Kürzel: B.O., 29 J., Höhlenforscherin. Stichwort: Sturz in einem engen Höhlenschacht, weit unter der Erdoberfläche, komplexe Bergung mit ungewisser Zeitspanne bis zur medizinischen Versorgung. Notiz: ein kleines Stück Kalkstein aus dem Schacht, in dem sie eingeklemmt war.
Der Fall
B.O. war neunundzwanzig, erfahrene Höhlenforscherin, als sie bei der Erkundung eines bislang unvermessenen Höhlensystems, weit unter der Erdoberfläche, mehrere Meter in einen engen, vertikalen Schacht stürzte und sich dabei eine Wirbelsäulenverletzung zuzog. Ihre beiden Begleiter, selbst erfahrene Höhlenforscher, standen vor einer beinahe unlösbaren Herausforderung: B.O. befand sich an einer Stelle, die zu Fuß nur über einen mehrstündigen, technisch anspruchsvollen Abstieg erreichbar war, weit außerhalb der Reichweite gewöhnlicher Rettungsmittel.
Die Wendung
Die alarmierte Höhlenrettung, ein hochspezialisiertes Team mit eigener medizinischer Ausbildung, benötigte, wie mir der Einsatzleiter am Telefon mitteilte, mindestens sechs Stunden, um überhaupt zu B.O. vorzudringen, gefolgt von einer noch länger dauernden, komplexen Bergung durch enge, teilweise wassergefüllte Gänge zurück an die Oberfläche. Ich stand, während dieser Stunden, in sporadischem Funkkontakt mit dem Team unter Tage, beriet sie zur bestmöglichen Immobilisierung unter den extremen, beengten Bedingungen eines Höhlensystems, eine medizinische Fernberatung, die selbst meine Erfahrung mit ungewöhnlichen Rettungssituationen noch einmal übertraf.
Die Rettung
Nach insgesamt vierzehn Stunden erreichte B.O. schließlich, in einem für alle Beteiligten kräftezehrenden Kraftakt, die Oberfläche und wurde direkt zu uns geflogen. Die Bildgebung bestätigte einen Wirbelbruch mit beginnender Kompression des Rückenmarks, doch zu meiner großen Erleichterung hatte die außergewöhnlich präzise Immobilisierung durch das Höhlenrettungsteam eine weitere Verschlechterung während der langen Bergung offenbar verhindert. Ich operierte sie noch in derselben Nacht, eine Stabilisierung und Entlastung, die ohne weitere Komplikationen verlief, ein Ergebnis, das angesichts der außergewöhnlichen Dauer und der Umstände ihrer Rettung keineswegs selbstverständlich war.
Der Weg zurück
B.O. erholte sich, entgegen unserer vorsichtigen Prognose angesichts der vierzehnstündigen Bergungszeit, überraschend gut, ohne bleibende neurologische Beeinträchtigung. Sie kehrte, nach ausführlicher Rehabilitation, tatsächlich zur Höhlenforschung zurück, wenn auch, wie sie mir bei ihrem letzten Kontrolltermin versicherte, „mit einem deutlich respektvolleren Verhältnis zu jedem einzelnen Schacht, den ich künftig betrete.” Sie schenkte mir ein kleines Stück Kalkstein aus jenem Schacht, in dem sie eingeklemmt gewesen war, dass ihre Rettungskollegen eigens für sie geborgen hatten.
Die Nachwirkung
B.O.s Fall gehört zu den außergewöhnlichsten Rettungseinsätzen, die ich in meiner gesamten Laufbahn aus der Ferne begleitet habe, und er hat mir eindrücklich gezeigt, zu welchen Leistungen hochspezialisierte Rettungsteams unter den widrigsten denkbaren Bedingungen fähig sind. Ich habe seither ein tiefes Interesse an der Höhlenrettung entwickelt und mehrere Fachaustausche mit spezialisierten Teams unserer Region geführt, bei denen ich viel über die besonderen medizinischen Herausforderungen lernte, die eine Rettung unter Tage von jeder anderen Form der Bergung unterscheiden: die extreme Enge, die vollständige Dunkelheit, die oft eisige Kälte und Nässe, und die schiere psychische Belastung, Stunden oder gar Tage in völliger Isolation auf Hilfe zu warten.
Der Einsatzleiter jener Bergung, mit dem ich seither in losem Kontakt geblieben bin, erzählte mir bei einem späteren Treffen, dass B.O.s bemerkenswerte innere Ruhe während der gesamten vierzehn Stunden dem gesamten Team eine enorme Erleichterung gewesen sei, ähnlich wie ich es bereits bei anderen, ebenso außergewöhnlich gefassten Verletzten erlebt hatte, deren Geschichten ich in früheren Bänden dieses Archivs bereits festgehalten habe.
Ich frage mich seither immer wieder, welche innere Kraft manche Menschen in solchen Extremsituationen aufbringen können, eine Frage, auf die ich, trotz all meiner Jahre in diesem Beruf, bis heute keine vollständig befriedigende Antwort gefunden habe.
Ich betrachte das kleine Stück Kalkstein, bevor ich es zu meinen anderen, oft ungewöhnlichen Erinnerungsstücken lege, und ziehe die nächste Karte, deren Notiz mich sofort mit einem Anflug von Unbehagen erfüllt.
Weiterlesen im Journal
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Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
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Der Anruf um 3 Uhr 12
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