Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre

Die Videosprechstunde

Karteikarte Nr. 133 — Datum: Winter, während einer Periode erschwerter Reisemöglichkeiten. Kürzel: W.F., 71 J., in einem entlegenen Bergdorf lebend. Stichwort: Ferndiagnose und Behandlungsplanung per Videosprechstunde, Operation nach sorgfältiger digitaler Vorbereitung. Notiz: ein Ausdruck des allerersten Videosprechstunden-Screenshots, den W.F.s Enkelin anfertigte.

Der Fall

W.F. war einundsiebzig, lebte allein in einem entlegenen Bergdorf, dessen einzige Zufahrtsstraße im Winter häufig durch Schnee und Lawinengefahr über Tage unpassierbar war, als zunehmende Rückenschmerzen mit ersten Anzeichen einer neurologischen Beeinträchtigung eine fachärztliche Abklärung dringend nötig machten. Die weite, beschwerliche Anreise zu meiner Klinik erschien ihm, angesichts seiner eingeschränkten Mobilität und der winterlichen Straßenverhältnisse, zunächst kaum bewältigbar, eine Situation, die seine Enkelin, die ihn regelmäßig besuchte, schließlich dazu bewegte, eine Videosprechstunde vorzuschlagen, eine Möglichkeit, die W.F. selbst zunächst mit großer Skepsis betrachtete.

Die Wendung

Ich führte, mit Unterstützung von W.F.s technisch versierter Enkelin, die erste ausführliche Anamnese und körperliche Basisuntersuchung über eine Videoverbindung durch, eine Herangehensweise, die zwar die unmittelbare körperliche Untersuchung nicht vollständig ersetzen konnte, mir aber dennoch ermöglichte, mir ein erstes, differenziertes Bild seiner Beschwerden zu machen und die dringend notwendige Bildgebung in einem örtlichen, kleineren Krankenhaus zu veranlassen, dessen Ergebnisse mir anschließend digital übermittelt wurden. Diese Kombination aus Videosprechstunde und lokal durchgeführter, digital übermittelter Diagnostik ermöglichte es mir, die Dringlichkeit seines Falls sicher einzuschätzen, ohne dass W.F. selbst die beschwerliche Anreise auf sich nehmen musste, bevor eine tatsächliche Notwendigkeit dafür feststand.

Die Rettung

Als die Bildgebung eine eindeutig operationsbedürftige Spinalkanalstenose bestätigte, organisierten wir, in enger Abstimmung mit dem örtlichen Rettungsdienst, einen Transport zu einem Zeitpunkt, an dem sich ein kurzes Wetterfenster mit passierbaren Straßen ankündigte. Die Operation selbst, eine Dekompression des betroffenen Spinalkanalabschnitts, verlief ohne Komplikationen, und ich konnte W.F., dank der bereits im Vorfeld über die Videosprechstunde geklärten Fragen, deutlich zielgerichteter und effizienter auf den eigentlichen Eingriff vorbereiten, als es bei einer erstmaligen, unmittelbaren Begegnung am Operationstag selbst möglich gewesen wäre.

Der Weg zurück

W.F. erholte sich gut von der Operation, seine Beschwerden besserten sich deutlich, und er kehrte, sobald es die winterlichen Straßenverhältnisse wieder zuließen, in sein geliebtes Bergdorf zurück. Die Nachsorgetermine führten wir, mit seinem ausdrücklichen Einverständnis, größtenteils weiterhin per Videosprechstunde durch, eine Praxis, die ihm, wie er mir bei einem dieser Termine mit einem breiten Lächeln versicherte, „die vielen beschwerlichen Fahrten erspart, die mir mit meinen einundsiebzig Jahren zunehmend schwerfallen.”

Die Nachwirkung

W.F.s Fall hat mir eindrücklich vor Augen geführt, welches Potenzial die Telemedizin gerade für Patienten in entlegenen, schwer erreichbaren Regionen birgt, ohne dabei die persönliche, unmittelbare Untersuchung zu ersetzen, wo diese medizinisch tatsächlich notwendig ist. Ich habe, seit diesem Fall, die Videosprechstunde als festen Bestandteil meiner Praxis für Patienten aus entlegenen Regionen etabliert, stets in dem Bewusstsein, dass sie eine sinnvolle Ergänzung, aber kein vollständiger Ersatz für die unmittelbare ärztliche Untersuchung ist. Besonders wertvoll erweist sich dieses Vorgehen, wie ich seither immer wieder feststelle, gerade bei älteren Patienten, für die eine weite, beschwerliche Anreise allein schon eine erhebliche zusätzliche Belastung darstellt, noch bevor die eigentliche medizinische Behandlung überhaupt beginnt.

Ich denke oft an W.F.s anfängliche Skepsis gegenüber der Technik zurück, die sich, mit jeder weiteren Videosprechstunde, zunehmend in eine echte Wertschätzung verwandelte. Er erzählte mir, bei einem unserer späteren Gespräche, mit einem gewissen Stolz, dass er inzwischen auch mit seinen weiter entfernt lebenden Enkelkindern regelmäßig über dieselbe Technik spreche, eine unerwartete, persönliche Nebenwirkung seiner medizinischen Behandlung, die ihn, wie er selbst sagte, „auf meine alten Tage noch einmal ein Stück näher an meine Familie gebracht hat.”

Ich betrachte den ausgedruckten Screenshot jener allerersten Videosprechstunde, den mir W.F.s Enkelin als kleines Andenken schenkte, bevor ich ihn zu meinen anderen Erinnerungsstücken lege und die nächste Karte aus dem Kasten ziehe.

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