Internationale Kollegen, internationale Zufälle · 3 min Lektüre
Die Übersetzerin, die keine war
Karteikarte Nr. 094 — Datum: Winter. Kürzel: A.M., 33 J., gehörlos seit Geburt. Stichwort: Bandscheibenvorfall, Aufklärungsgespräch vollständig in Gebärdensprache, Tochter als ungeplante, dann bewusst abgelöste Dolmetscherin. Notiz: ein handgeschriebener Zettel mit dem gebärdeten Wort für “Danke”, skizziert.
Der Fall
A.M. war dreiunddreißig, von Geburt an gehörlos, als ein fortgeschrittener Bandscheibenvorfall sie mit starken, ausstrahlenden Beinschmerzen in unsere Sprechstunde führte. Sie kam in Begleitung ihrer zwölfjährigen Tochter, die, wie es in solchen Familien nicht selten vorkommt, seit ihrer frühen Kindheit gewohnt war, für ihre Mutter zwischen der Gebärdensprache und der Lautsprache der Umwelt zu vermitteln. Ich bemerkte, bereits in den ersten Minuten unseres Gesprächs, ein Unbehagen bei der Tochter, die sichtlich versuchte, ihrer Mutter komplexe medizinische Zusammenhänge zu erklären, für die ihr selbst, verständlicherweise, sowohl das Vokabular als auch die emotionale Distanz fehlten.
Die Wendung
Ich unterbrach das Gespräch, so behutsam ich konnte, und erklärte, über die Tochter, dass ich es für wichtig hielt, für die eigentliche medizinische Aufklärung eine ausgebildete Gebärdensprachdolmetscherin hinzuzuziehen, damit ihre Tochter nicht länger die Verantwortung für eine derart komplexe, folgenreiche Entscheidung tragen musste. Ich sah, wie sich in den Augen der Tochter eine spürbare Erleichterung zeigte, eine Reaktion, die mir noch einmal vor Augen führte, welche stille Last Kinder in solchen Übersetzerrollen oft über Jahre tragen, ohne dass Erwachsene sich dessen immer bewusst sind. Wir organisierten, binnen weniger Tage, eine professionelle Dolmetscherin für das eigentliche Aufklärungsgespräch, sodass A.M. selbst, direkt und ohne den Umweg über ihre Tochter, alle Fragen stellen konnte, die ihr wichtig waren.
Die Rettung
Das anschließende Aufklärungsgespräch, vollständig in Gebärdensprache geführt, verlief ausführlicher und, wie ich rückblickend feststellte, inhaltlich präziser als so manches Gespräch mit hörenden Patienten, weil A.M., befreit von der Sorge, ihre Tochter zu überfordern, deutlich detailliertere Fragen stellte als zuvor. Die Operation selbst, eine mikrochirurgische Entfernung des vorgefallenen Bandscheibenmaterials, verlief ohne Komplikationen, technisch nicht anders als bei jedem vergleichbaren Fall, aber begleitet von einem Aufklärungs- und Nachsorgeprozess, den wir bewusst so gestalteten, dass A.M. in jeder Phase direkt und selbstständig kommunizieren konnte.
Der Weg zurück
A.M. erholte sich gut von der Operation, ihre Schmerzen besserten sich deutlich, und sie kehrte innerhalb weniger Wochen zu ihrem Alltag zurück. Ihre Tochter, die ich bei den Nachsorgeterminen wiedertraf, wirkte spürbar entspannter in ihrer Rolle, saß neben ihrer Mutter, ohne ständig übersetzen zu müssen, und konnte, zum ersten Mal seit Beginn der Behandlung, einfach nur Tochter sein, statt zusätzlich die Verantwortung einer Dolmetscherin zu tragen.
Die Nachwirkung
A.M.s Fall hat mich für ein Thema sensibilisiert, dem ich zuvor zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte: die stille Belastung von Kindern, die in Familien mit Kommunikationsbarrieren regelmäßig in Übersetzerrollen gedrängt werden, gerade bei medizinischen Themen, die eigentlich eine erwachsene, professionelle Vermittlung verdienen. Wir etablierten, nach diesem Fall, in unserer Abteilung eine verbindliche Regel, bei jedem Patienten mit Kommunikationsbarriere aktiv nach professioneller Dolmetscherunterstützung zu fragen, statt sich stillschweigend auf mitgebrachte Familienangehörige zu verlassen, auch wenn dies bedeutete, Termine gelegentlich zu verschieben. Diese kleine organisatorische Änderung kostete uns, gemessen am Nutzen, erstaunlich wenig, und ich frage mich seither, wie oft wir in den Jahren zuvor, ohne es zu bemerken, Kinder in eine ähnliche stille Last gedrängt hatten, ohne dass es uns je bewusst aufgefallen wäre.
[]A.M. schenkte mir, bei ihrem letzten Kontrolltermin, einen kleinen, selbst gezeichneten Zettel, auf dem sie die Gebärde für „Danke” skizziert hatte, mit der Bitte, ich möge sie mir einprägen, für den nächsten gehörlosen Patienten, dem ich begegnen würde. Ich übe diese kleine Geste seither gelegentlich vor dem Spiegel, bevor ich die Karte zurücklege und mich der nächsten zuwende, die mich, mit einer knappen Notiz zu einem besonders unruhigen Wintertag, sofort in ihren Bann zieht.
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