Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Die Trapezkünstlerin
Karteikarte Nr. 081 — Datum: Spätsommer, während eines Gastspiels eines Wanderzirkus. Kürzel: N.V., 24 J., Trapezkünstlerin. Stichwort: Sturz aus großer Höhe, Wirbelbruch, Ziel: Rückkehr zur eigenen Kunst. Notiz: kleines, glitzerndes Kostümpailletten-Stück, mit der Post nachgereicht.
Der Fall
N.V. war vierundzwanzig, seit ihrer Kindheit in einer Zirkusfamilie mit dem Trapez aufgewachsen, als sie bei einer Abendvorstellung, mitten in einer doppelten Rückwärtsdrehung, den Griff ihres Partners um Sekundenbruchteile verfehlte und aus mehreren Metern Höhe auf das Sicherheitsnetz stürzte, das ihren Sturz zwar abfederte, sie dabei aber unglücklich genug auffing, dass sie sich einen Wirbelbruch zuzog. Das Publikum, wie mir später berichtet wurde, applaudierte in den ersten Sekunden nach dem Sturz noch, weil ein Sturz ins Netz choreografisch Teil der Vorstellung war und niemand im Saal sofort begriff, dass dieser eine echt und kein Teil der Show gewesen war. Als der Zirkusdirektor selbst erkannte, dass etwas nicht stimmte, und die Vorstellung abbrach, war bereits kostbare Zeit vergangen.
Die Wendung
Die Bildgebung zeigte einen Bruch im Bereich der mittleren Brustwirbelsäule, glücklicherweise ohne vollständige Durchtrennung des Rückenmarks, aber mit einer Instabilität, die eine operative Stabilisierung notwendig machte. N.V.s erste, noch unter Schmerzmitteln gestellte Frage war nicht, ob sie je wieder normal gehen würde, sondern ob sie je wieder ans Trapez zurückkehren könnte, eine Frage, die mich zunächst überraschte, bis ich begriff, mit welcher Selbstverständlichkeit das Trapez für sie nicht Beruf, sondern Identität war, vergleichbar mit dem, was ich selbst über die Falknerei eines anderen Patienten gelernt hatte, dessen Geschichte ich in meinem ersten Archiv-Band erzählt habe. Ich konnte ihr in diesem frühen Stadium keine sichere Prognose geben, versprach ihr aber, alles Menschenmögliche zu tun, um genau dieses Ziel realistisch zu halten.
Die Rettung
Die Operation, eine Stabilisierung der betroffenen Wirbelsäulenabschnitte mit Schrauben und Stäben, verlief technisch unkompliziert, verlangte aber eine besondere Sorgfalt, um die für ihre Kunst entscheidende Beweglichkeit der angrenzenden, nicht versteiften Segmente so weit wie möglich zu erhalten.
Ich besprach mit ihr, nach der Operation, ausführlich, welche Bewegungsformen ihre Wirbelsäule künftig würde tolerieren können und welche nicht, ein Gespräch, das eher einer biomechanischen Fachdiskussion glich als einem gewöhnlichen Aufklärungsgespräch, weil N.V. ihren eigenen Körper und dessen Bewegungsgrenzen mit einer Präzision kannte, die ich selten bei Patienten erlebt hatte.
Der Weg zurück
N.V. durchlief eine lange, disziplinierte Rehabilitation, bei der sie, mit einer Zielstrebigkeit, die mich beeindruckte, jeden einzelnen von uns erlaubten Bewegungsschritt konsequent umsetzte. Nach über einem Jahr kehrte sie tatsächlich zum Trapez zurück, zunächst in einer stark reduzierten, sicherheitsoptimierten Choreografie, bei der auf die riskantesten Drehungen verzichtet wurde. Sie schickte mir, Monate später, ein kleines Stück ihres alten, bei dem Sturz beschädigten Bühnenkostüms, mit glitzernden Pailletten besetzt, als Erinnerung, wie sie in der beigefügten Karte schrieb, „an die Grenze, die Sie mir zurückgegeben haben, auch wenn sie jetzt eine andere ist als vorher.”
Die Nachwirkung
N.V.s Fall hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie unterschiedlich Menschen den Begriff der vollständigen Genesung definieren, und wie wichtig es ist, diese individuelle Definition ernst zu nehmen, statt sie an einem allgemeinen medizinischen Maßstab zu messen. Für sie bedeutete Genesung nicht die Rückkehr zu exakt demselben Körper wie vor dem Unfall, sondern die Rückkehr zu der Kunst, die ihr Leben ausmachte, in einer Form, die dieser neue Körper zuließ. Ich habe seither versucht, diese Frage, was Genesung für den jeweiligen Menschen vor mir konkret bedeutet, an den Anfang jedes Gesprächs zu stellen, nicht an dessen Ende, weil sie oft mehr über den richtigen Behandlungsweg verrät als jede Bildgebung allein.
Ich lege das kleine Pailletten-Stück, das ich seither aufbewahre, zurück in seine kleine Schachtel neben dem Kasten, und greife nach der nächsten Karte, die mich, mit einer ganz anderen Art von Erinnerung, in die Jahre zurückversetzt, in denen ich selbst begann, junge Kollegen auszubilden.
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