Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Die Sprechstunde, die keine Grenzen kannte
Ich lege R.A.s Karte beiseite und lasse eine weitere Erinnerung zurückkehren, diesmal eine, die zeigt, wie sich mein medizinisches und mein schriftstellerisches Leben, Jahre nach meinem eigentlichen Ruhestand, auf unerwartete Weise wieder miteinander verwoben.
Es war, mehrere Jahre nach meinem endgültigen Abschied aus dem aktiven OP-Betrieb, als mich, über einen ehemaligen Kollegen, die Anfrage erreichte, ob ich Interesse hätte, an einer neuen, telemedizinischen Beratungsplattform mitzuwirken, die Menschen mit chronischen Erkrankungen im gesamten deutschsprachigen Raum den Zugang zu spezialisierter fachlicher Einschätzung erleichtern sollte. Ich war zunächst überrascht über den eigenen inneren Widerstand, den ich gegenüber diesem Vorschlag verspürte: Hatte ich mich nicht bewusst dafür entschieden, meine aktive medizinische Laufbahn zugunsten meines Schreibens hinter mir zu lassen?
Nach einigen Tagen des Nachdenkens erkannte ich jedoch, dass diese neue Möglichkeit mir erlauben würde, mein umfangreiches medizinisches Wissen weiterhin sinnvoll einzusetzen, ohne in die körperlich fordernde, zeitintensive Routine des aktiven Klinikalltags zurückkehren zu müssen, eine Balance, die mir zuvor unmöglich erschienen war. Ich begann, zunächst mit großer Vorsicht und begrenztem zeitlichem Umfang, an dieser Plattform mitzuwirken, beriet Patientinnen und Patienten, deren Beschwerden eine fachärztliche Einschätzung erforderten, die ihnen aus geografischen oder terminlichen Gründen sonst nur schwer zugänglich gewesen wäre.
Diese neue Tätigkeit erwies sich, zu meiner eigenen Überraschung, als bereichernde Ergänzung zu meinem schriftstellerischen Schaffen, nicht als Konkurrenz dazu, wie ich zunächst befürchtet hatte. Die Gespräche mit Patienten, die ich über diese Plattform führte, lieferten mir, ohne dass ich dies ursprünglich beabsichtigt hätte, immer wieder neue Einsichten in menschliche Schicksale, die, in veränderter, anonymisierter Form, ihren Weg in so manche meiner literarischen Geschichten fanden, ein kreativer Kreislauf zwischen meinem medizinischen und meinem erzählerischen Wirken, der mich seither immer wieder aufs Neue fasziniert.
Ich erinnere mich besonders an eine ältere Patientin aus einer entlegenen Region, die mir, nach unserem ersten Beratungsgespräch, mit sichtlicher Rührung mitteilte, dass sie zuvor, aufgrund der weiten Entfernung zur nächsten spezialisierten Klinik, jahrelang auf eine fachärztliche Einschätzung ihrer chronischen Beschwerden verzichtet hatte. Diese Begegnung, wie viele weitere ähnlicher Art, hat mich in meiner festen Überzeugung bestärkt, dass die Telemedizin, richtig und verantwortungsvoll eingesetzt, eine echte, spürbare Lücke in der Versorgung schließen kann, gerade für Menschen in strukturschwachen oder entlegenen Regionen unseres Sprachraums.
Ich betrachte, während ich diese Zeilen schreibe, mit stiller Zufriedenheit, wie sich diese beiden Stränge meines Lebens, der des Arztes und der des Erzählers, auch weit nach meinem eigentlichen Ruhestand noch immer gegenseitig befruchten, und greife, mit erneuter Neugier, nach der nächsten Karte dieses dritten Bandes. Diese telemedizinische Tätigkeit hat sich, über die Jahre, zu einem festen, wenn auch bewusst begrenzten Teil meines Wochenrhythmus entwickelt, eingebettet zwischen meinen Schreibvormittagen und den gelegentlichen Verlagsverpflichtungen, die mein zweites Leben nach wie vor mit sich bringt. Ich habe, in diesem Rahmen, mit der Zeit auch begonnen, mich stärker auf die Beratung von Patientinnen und Patienten mit chronischen Beschwerden zu spezialisieren, ein Bereich, in dem die kontinuierliche, über längere Zeiträume geführte Begleitung eines Menschen eine ganz eigene, mir sehr vertraute Form ärztlicher Beziehung ermöglicht.
Ich erinnere mich, wie mir ein befreundeter Kollege einmal, nicht ganz ohne Ironie, vorhielt, dass ich mich, mit dieser Kombination aus Telemedizin und Schriftstellerei, letztlich niemals wirklich aus meinem angestammten Beruf zurückgezogen hätte, sondern lediglich eine neue, unkonventionellere Form gefunden habe, ihn fortzuführen. Ich musste, als ich diese Bemerkung zum ersten Mal hörte, unwillkürlich herzlich lachen, weil ich sofort erkannte, wie viel Wahrheit tatsächlich darin steckte: Vielleicht, so dachte ich mir damals mit einem Anflug von Erleichterung, gibt es für manche Berufungen gar keinen endgültigen Ruhestand, sondern nur immer neue, dem eigenen Lebensabschnitt angepasste Formen, ihnen weiterhin treu zu bleiben.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."