Notfälle und Sekunden, die zählen · 4 min Lektüre
Die Sekunde vor der Stille
Karteikarte Nr. 078 — Datum: Frühsommer. Kürzel: J.B., 38 J. Stichwort: rupturiertes Hirnaneurysma, Notfall-Kraniotomie um Mitternacht, Wettlauf gegen eine mögliche zweite Blutung. Notiz am Rand: “Der Fall, der mich endgültig zum Neurochirurgen im umfassenden Sinne machte.”
Der Fall
J.B. war achtunddreißig, Mutter zweier kleiner Kinder, als sie mitten in einem ganz gewöhnlichen Abendessen mit der Familie plötzlich verstummte, mitten im Satz, das Wort, das sie gerade hatte sagen wollen, blieb ihr im Mund stecken, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Ihr Mann erzählte mir später, das Erschreckendste an diesem Moment sei nicht ihr Schweigen selbst gewesen, sondern die Sekunde davor, ein kurzes, fast unmerkliches Zucken um ihre Augen, gefolgt von einem Ausdruck, den er noch nie an ihr gesehen hatte, eine Mischung aus Überraschung und einer Art innerem Erschrecken, als spüre sie selbst, dass etwas in ihrem Kopf gerade unwiderruflich geschah. Sie klagte, bevor die Sprache ihr ganz entglitt, noch über den, wie sie es nannte, „schlimmsten Kopfschmerz ihres Lebens”, ein Satz, den jeder Neurochirurg kennt und den keiner von uns je auf die leichte Schulter nimmt. In der Notaufnahme, wenige Minuten später, war sie kaum noch ansprechbar.
Die Wendung
Die Computertomographie zeigte, was ich in diesem Moment fürchtete: Blut im Subarachnoidalraum, verteilt in einem Muster, das auf eine gerissene Arterie an der Hirnbasis hindeutete, ein rupturiertes Aneurysma. Die eigentliche Gefahr bei einer solchen Blutung liegt nicht allein im ersten Riss, sondern in dem, was in den folgenden Stunden geschehen kann: Ein bereits geschwächtes Gefäß kann jederzeit ein zweites Mal reißen, und eine zweite Blutung endet in einem erschreckend hohen Anteil der Fälle tödlich. Ich hatte, zu diesem Zeitpunkt meiner Laufbahn, bereits zahlreiche Wirbelsäulenoperationen hinter mir, war in meinem eigentlichen Fachgebiet längst sicher, aber ein Aneurysma an dieser Stelle, in dieser Dringlichkeit, ohne die Möglichkeit, auf einen erfahreneren Kollegen zu warten, war eine andere Kategorie von Verantwortung. Ich erinnere mich, wie ich für einen einzigen, sehr kurzen Moment am Telefon zögerte, den diensthabenden Assistenzarzt bat, mir die Bilder noch einmal vorzulesen, nicht weil ich sie nicht verstanden hätte, sondern weil ich mir selbst noch einen Atemzug Zeit verschaffen wollte, bevor ich die Entscheidung traf, die ich treffen musste.
Die Rettung
Wir fuhren J.B. noch in derselben Nacht in den OP-Saal. Die Kraniotomie, die Öffnung des Schädels an genau der Stelle, an der die Bildgebung das Aneurysma vermuten ließ, verlangte eine Präzision, die sich fundamental von allem unterschied, was ich aus der Wirbelsäulenchirurgie gewohnt war, und doch erkannte ich, während meine Hände arbeiteten, dieselbe innere Ruhe wieder, die mich durch all die Jahre zuvor getragen hatte. Das Gefäß lag tiefer und fragiler, als die Bilder es hatten erahnen lassen, umgeben von Hirngewebe, das keinen einzigen unbedachten Handgriff verzieh. Als ich schließlich den kleinen, titanfarbenen Clip so platzierte, dass er die geschwächte Stelle der Arterie dauerhaft verschloss, ohne den gesunden Blutfluss zu unterbrechen, hielt ich, wie das gesamte Team, für einen Moment unwillkürlich den Atem an. Die intraoperative Kontrolle zeigte: Der Clip saß korrekt. Die Blutung war gebannt.
Der Weg zurück
J.B. verbrachte die folgenden Tage auf der Intensivstation, wach, aber zunächst noch mit deutlichen Wortfindungsstörungen, die uns allen, ihrem Mann besonders, Sorge bereiteten. Ich erklärte ihm damals, so ehrlich ich konnte, dass das Gehirn nach einer solchen Blutung Zeit brauche, um zu heilen, und dass Geduld in diesen Tagen die wichtigste Medizin sei, die wir alle gemeinsam aufbringen mussten. Innerhalb von zwei Wochen kehrte ihre Sprache fast vollständig zurück, zunächst stockend, dann zunehmend sicherer, bis sie, an dem Tag, an dem sie die Klinik verließ, mir mit einer Klarheit, die mich rührte, einen ganzen, langen Satz des Dankes sagte, ohne ein einziges Mal nach einem Wort suchen zu müssen.
Die Nachwirkung
Dieser Fall hat mich, mehr als jeder andere in meiner gesamten Laufbahn, an eine Grenze geführt, die ich vorher nur aus der Theorie kannte: den Übergang von dem Chirurgen, der ich bereits war, zu dem Chirurgen, der ich noch werden musste.
Ich habe in den Jahren danach nie aufgehört, mich an J.B.s Gesicht in jener ersten Nacht zu erinnern, an die Sekunde vor der Stille, die ihr Mann mir beschrieben hatte, und an das, was diese Sekunde mir über die Zerbrechlichkeit dessen lehrte, was wir für selbstverständlich halten: die eigene Stimme, den eigenen nächsten Satz.
Ich lege die Karte zurück in den Kasten, stehe auf, um das Kaminfeuer zu schüren, das in der letzten halben Stunde beim Schreiben fast erloschen ist. Meine Frau ist längst zu Bett gegangen, das Haus liegt still um mich herum, nur das gelegentliche Knacken des Holzes durchbricht die Ruhe.
Ich denke, während ich die nächste Karte aus dem Kasten ziehe, an die Wochen zurück, die diesem Fall vorausgingen, an eine Prüfung, vor der ich mich, wenn ich ehrlich bin, mehr gefürchtet habe als vor jeder Operation, die noch folgen sollte.
Weiterlesen im Journal
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Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
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Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."