Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Die Seilbahn
Karteikarte Nr. 135 — Datum: klarer Wintertag, hoher Andrang. Kürzel: mehrere, technischer Defekt an einer Gondelbahn. Stichwort: abrupter Nothalt einer Seilbahn in großer Höhe, mehrere Verletzte durch den plötzlichen Ruck, komplexe Evakuierung. Notiz: ein kleines Metallstück der defekten Seilrolle, vom technischen Betreiber überreicht.
Der Fall
An einem klaren, stark frequentierten Wintertag kam es, durch einen unerwarteten technischen Defekt an einer Seilrolle, zu einem abrupten, unerwarteten Nothalt einer Gondelbahn, während sich mehrere besetzte Gondeln in beträchtlicher Höhe über steilem, felsigem Gelände befanden. Der plötzliche, heftige Ruck beim Nothalt schleuderte die Fahrgäste in mehreren Gondeln gegen die Innenwände, wobei sich mehrere Personen Verletzungen zuzogen, darunter zwei mit Verdacht auf Wirbelsäulenbeteiligung. Die technische Störung selbst konnte nicht sofort behoben werden, sodass die betroffenen Gondeln für mehrere Stunden in großer Höhe verharrten, bevor eine aufwendige, technisch anspruchsvolle Evakuierung möglich wurde.
Die Wendung
Ich koordinierte, gemeinsam mit der alarmierten Bergrettung, aus der Ferne die medizinische Erstversorgung der in den Gondeln festsitzenden Verletzten, deren genauer Zustand zunächst nur über Funkkontakt mit den vor Ort tätigen Rettungskräften eingeschätzt werden konnte, eine besonders herausfordernde Situation, da eine unmittelbare körperliche Untersuchung über Stunden hinweg nicht möglich war. Die technische Evakuierung der Gondeln, bei der die Verletzten mit speziellen Seiltechniken einzeln geborgen werden mussten, verlangte von den Rettungskräften höchste Präzision, um eine zusätzliche Verschlimmerung möglicher Wirbelsäulenverletzungen während der Bergung selbst zu vermeiden.
Die Rettung
Die beiden Personen mit Verdacht auf Wirbelsäulenbeteiligung erreichten unsere Klinik nach der aufwendigen Evakuierung, eine davon mit einer tatsächlich instabilen Fraktur, die ich noch in derselben Nacht operierte, die andere mit einer glücklicherweise stabilen, konservativ behandelbaren Verletzung. Die lange Zeitspanne zwischen dem eigentlichen Unfallereignis und der endgültigen medizinischen Versorgung, bedingt durch die aufwendige technische Bergung, stellte eine zusätzliche Herausforderung dar, die ich in dieser speziellen Kombination aus technischer und medizinischer Komplexität zuvor nicht erlebt hatte.
Der Weg zurück
Beide Patienten erholten sich gut und vollständig von ihren jeweiligen Verletzungen, ohne bleibende neurologische Beeinträchtigung. Der Betreiber der Seilbahn überarbeitete, nach eingehender technischer Untersuchung des Vorfalls, umgehend sein gesamtes Wartungsprotokoll und lud mich, gemeinsam mit der Bergrettung, zu einer ausführlichen, gemeinsamen Nachbesprechung ein, bei der medizinische und technische Aspekte des Vorfalls ausführlich und sehr sachlich analysiert wurden, ein interdisziplinärer Austausch, der mir seither als vorbildliches Beispiel für die Aufarbeitung komplexer Rettungseinsätze in Erinnerung geblieben ist.
Die Nachwirkung
Dieser Vorfall hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie komplex die medizinische Koordination bei Unfällen werden kann, bei denen die eigentliche Rettung selbst durch technische Herausforderungen erheblich verzögert wird, und wie wichtig eine enge, respektvolle Zusammenarbeit zwischen medizinischen und technischen Rettungskräften in solchen Situationen ist. Wir haben, seit diesem Fall, gemeinsame Übungsszenarien mit den Betreibern lokaler Seilbahnen entwickelt, die seither regelmäßig durchgeführt werden. Diese Übungen haben, wie mir mehrere Bergrettungskollegen bestätigten, ein tieferes gegenseitiges Verständnis für die jeweiligen Grenzen und Möglichkeiten der anderen Seite geschaffen, ein Verständnis, das im Ernstfall wertvolle Minuten einsparen kann, wenn technische und medizinische Rettung so eng ineinandergreifen müssen wie bei jenem denkwürdigen Wintertag.
Besonders eindrücklich blieb mir die Ruhe in Erinnerung, mit der die Fahrgäste in den festsitzenden Gondeln, nach dem ersten Schrecken, auf die lange Wartezeit reagierten, unterstützt durch den kontinuierlichen Funkkontakt mit der Bergrettung, der ihnen, auch ohne unmittelbare körperliche Nähe, ein gewisses Gefühl der Sicherheit vermittelte. Ich habe daraus gelernt, wie wichtig kontinuierliche, beruhigende Kommunikation gerade in Situationen ist, in denen eine unmittelbare Hilfe noch nicht möglich ist, aber die Angst der Betroffenen bereits sehr real ist.
Ich lege das kleine Metallstück der defekten Seilrolle zu meinen anderen, ungewöhnlichen Erinnerungsstücken und ziehe, mit einem letzten Blick auf den bereits deutlich geschrumpften Kasten, die nächste Karte.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."