Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Die Postkarte
Karteikarte Nr. 129 — Datum: über mehr als fünfzehn Jahre. Kürzel: bewusst nie preisgegeben. Stichwort: ein anonymer ehemaliger Patient, der mir seit seiner Operation jährlich eine Postkarte aus einem anderen Land der Welt schickt, ohne je seinen vollen Namen zu nennen. Notiz: ein ganzer Stapel Postkarten, chronologisch geordnet.
Der Fall
Diese Karte handelt von einem Patienten, dessen vollständige Identität ich, obwohl ich ihn eigenhändig operiert habe, bis heute nicht mit letzter Sicherheit kenne. Vor über fünfzehn langen Jahren operierte ich einen Mann mittleren Alters wegen eines komplizierten Bandscheibenvorfalls, eine, medizinisch betrachtet, vollkommen unauffällige Operation, die ohne jede Komplikation verlief. Kurz nach seiner Entlassung erhielt ich, an die Klinik adressiert, unerwartet eine Postkarte aus einem fernen Land, unterschrieben nur mit einem einzelnen Buchstaben, die mir kurz und aufrichtig für seine Behandlung dankte, ohne weitere Angaben zu seiner Person.
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Die Wendung
Ich vermutete zunächst, es handle sich um eine einmalige, freundliche Geste, doch im folgenden Jahr, fast auf den Tag genau ein Jahr nach der ersten Karte, erreichte mich eine zweite Postkarte, diesmal aus einem anderen, ebenso fernen Land, wieder nur mit demselben einzelnen Buchstaben unterschrieben. Seither wiederholt sich dieses Ritual, Jahr für Jahr, jede Karte aus einem anderen Winkel der Welt, jede mit wenigen, aber warmherzigen Zeilen versehen, die mir mitteilen, dass es ihm gut gehe und dass er weiterhin dankbar sei, ohne je preiszugeben, wer er tatsächlich ist oder warum er diese besondere Form der Kontaktaufnahme gewählt hat.
Die Rettung
Ich habe, über die Jahre, mehrfach überlegt, ob ich versuchen sollte, seine Identität zu ergründen, aus reiner Neugier, aber auch aus dem ehrlichen Wunsch, ihm persönlich für diese ungewöhnliche, beständige Geste zu danken. Ich habe mich letztlich bewusst dagegen entschieden, weil ich spüre, dass die Anonymität selbst ein wesentlicher Teil dessen ist, was er mir mit diesen Karten mitteilen möchte, eine Art Dank, der, gerade weil er anonym bleibt, von jeder Erwartung einer Gegenleistung oder eines weiteren Kontakts befreit ist.
Der Weg zurück
Die Postkarten erreichen mich, Jahr für Jahr, weiterhin, aus einer erstaunlichen Vielzahl von Ländern, manchmal mit einem kurzen Hinweis auf eine berufliche Reise, manchmal offenbar von einer privaten Urlaubsreise, stets aber mit derselben schlichten, wiederkehrenden Botschaft der Dankbarkeit. Ich habe begonnen, sie chronologisch zu sammeln, und der wachsende Stapel ist, für mich selbst, zu einer eigenen, stillen Chronik geworden, die parallel zu meinem eigenen beruflichen Weg verläuft.
Die Nachwirkung
Diese Geschichte, so ungewöhnlich sie im Vergleich zu den übrigen Fällen in diesem Archiv erscheinen mag, gehört für mich zu den bewegendsten überhaupt, gerade weil sie so wenig von den üblichen Details trägt, die eine Patientengeschichte sonst ausmachen. Sie erinnert mich daran, dass Dankbarkeit viele Formen annehmen kann, manche laut und unmittelbar, andere, wie in diesem Fall, still, beständig und über Jahrzehnte getragen, ohne je ein Gesicht zu brauchen. Ich habe mir vorgenommen, diese Postkarten, sollte ich eines Tages selbst nicht mehr in der Lage sein, sie entgegenzunehmen, meiner Familie zu hinterlassen, mit der Bitte, sie weiterhin aufzubewahren, auch wenn niemand von uns je erfahren wird, wer ihr Absender tatsächlich ist. Manchmal, wenn eine neue Karte eintrifft, stelle ich mir vor, wie sein Leben in all den Jahren verlaufen sein mag, ob er Familie gegründet hat, welchen Beruf er ausübt, ob er noch immer, wie ich vermute, viel reist, doch ich habe gelernt, mich mit diesen offenen Fragen anzufreunden, statt sie unbedingt beantworten zu wollen.
Ich lege die neueste Karte, erst vor wenigen Wochen eingetroffen, sorgfältig oben auf den wachsenden Stapel, und ziehe, mit einem Anflug stiller Verwunderung über dieses fortlaufende, ungelöste Rätsel, die nächste Karte aus dem Kasten.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
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Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."