Wenn alle anderen abgelehnt haben · 3 min Lektüre
Die Patientin, die niemand hätte retten können
Karteikarte Nr. 013 — Datum: eine Nacht, an die ich mich mit gemischten Gefühlen erinnere. Kürzel: L.R., 19 J. Stichwort: schwerste Wirbelsäulenverletzung nach einem Sturz aus großer Höhe, statistisch verschwindend geringe Überlebenschance, gegen jede Erwartung überlebt. Notiz am Rand: “Manchmal widerlegt ein einziger Mensch jede Statistik, die ich in dreißig Jahren gelernt habe.”
Der Fall
L.R. war neunzehn, stürzte bei einem tragischen Unfall aus einer Höhe von über fünfzehn Metern von einem Baugerüst und erlitt dabei eine derart schwere, mehrfache Wirbelsäulenverletzung, dass mir, bereits bei der ersten Durchsicht ihrer Bildgebung, klar wurde, dass ihre Überlebenschancen, nach allem, was ich in drei Jahrzehnten Neurochirurgie gelernt hatte, verschwindend gering waren. Ich musste ihren Eltern, in einem der schwersten Gespräche meiner gesamten Laufbahn, mitteilen, dass eine Operation zwar der einzige verbleibende Versuch war, sie zu retten, aber realistischerweise mit einer nur sehr geringen Erfolgsaussicht verbunden war.
Die Wendung
Ich entschied mich, trotz der statistisch nahezu aussichtslosen Prognose, zu operieren, weil die Alternative, nichts zu tun, mit absoluter Sicherheit ihren Tod bedeutet hätte, während eine Operation, so gering die Chance auch war, zumindest eine theoretische Möglichkeit der Rettung bot. Ich erinnere mich, wie ich mich, während der Vorbereitung, bewusst von der statistischen Aussichtslosigkeit löste, die mir mein gesamtes fachliches Wissen unweigerlich vor Augen führte, und mich stattdessen ausschließlich auf das konzentrierte, was in diesem einen, konkreten Moment medizinisch möglich war.
Die Rettung
Die Operation dauerte über zehn Stunden, eine der längsten und technisch anspruchsvollsten meiner gesamten Laufbahn, bei der wir mehrere, teils gleichzeitig bestehende Verletzungen ihrer Wirbelsäule versorgen mussten. Ich verließ den OP-Saal, nach jenen zehn Stunden, mit der ehrlichen Einschätzung, dass wir das medizinisch Menschenmögliche getan hatten, ohne eine verlässliche Prognose für die folgenden, entscheidenden Tage geben zu können. L.R. überlebte die erste kritische Nacht, dann die zweite, dann die erste Woche, jeden dieser Momente entgegen meiner eigenen, fachlich fundierten Erwartung.
Der Weg zurück
L.R.s Genesung, über die folgenden zwei Jahre, war ein Weg, den ich, offen gestanden, selbst kaum für möglich gehalten hätte: von einer anfänglich vollständigen Lähmung zu einer eingeschränkten, aber tatsächlich vorhandenen Beweglichkeit, die es ihr schließlich erlaubte, mit Unterstützung eines Rollators kurze Strecken selbstständig zurückzulegen. Sie besuchte mich, drei Jahre nach jenem Unfall, gemeinsam mit ihren Eltern, zu einem Kontrolltermin, bei dem sie mir, mit einem Lächeln, das mich zutiefst bewegte, mitteilte, dass sie inzwischen ein Studium begonnen habe.
Die Nachwirkung
L.R.s Fall widerspricht, in seinem gesamten Verlauf, so ziemlich jeder Statistik, die ich in meiner gesamten Laufbahn gelernt habe, und er hat mich gelehrt, dass selbst die fundiertesten medizinischen Wahrscheinlichkeiten niemals eine absolute Gewissheit über den individuellen Ausgang eines einzelnen, konkreten Menschen darstellen. Ich behandle seither jede noch so aussichtslos erscheinende Prognose mit einer zusätzlichen Portion Demut, die ich L.R. verdanke. Ich habe, seit ihrem Fall, jüngeren Kollegen gegenüber immer wieder betont, dass statistische Wahrscheinlichkeiten eine wichtige, unverzichtbare Grundlage unserer medizinischen Entscheidungen bleiben, dass sie aber niemals dazu verleiten dürfen, einem einzelnen Menschen die Chance auf eine Behandlung von vornherein zu verwehren, solange diese Chance, und sei sie noch so gering, tatsächlich besteht.
L.R. selbst erzählte mir, bei jenem letzten Kontrolltermin, dass sie sich, während der langen Monate ihrer Rehabilitation, immer wieder an ein einziges Bild geklammert habe: das Bild von sich selbst, wie sie eines Tages, und sei es auch nur für wenige Schritte, wieder auf eigenen Beinen stehen würde. Diese innere Vorstellungskraft, so unmessbar sie aus rein medizinischer Sicht auch sein mag, hat mich, angesichts ihres außergewöhnlichen Genesungswegs, tief davon überzeugt, welch bedeutende Rolle der menschliche Wille neben aller chirurgischen Kunstfertigkeit tatsächlich spielen kann.
Ich lege L.R.s Karte, versehen mit einem Foto von ihrem ersten Tag an der Universität, zurück in den Kasten und ziehe, mit einer stillen, dankbaren Ergriffenheit, die nächste, während sich der Abend draußen langsam dem Ende zuneigt.
Weiterlesen im Journal
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