Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre

Die Nacht des Regens

Karteikarte Nr. 083 — Datum: eine der schlimmsten Sturmnächte, an die ich mich erinnere. Kürzel: mehrere, ein Massenanfall von Verletzten nach einem Erdrutsch. Stichwort: überflutete Zufahrtsstraßen, improvisierte Triage, Zusammenarbeit mit der Bergrettung. Notiz: durchnässt, die Tinte an einer Stelle leicht verlaufen.

Der Fall

Der Regen jener Nacht war so heftig, dass er die einzige Zufahrtsstraße zu einem kleinen Ort oberhalb unseres Einzugsgebiets binnen weniger Stunden in einen reißenden Bach verwandelte, der schließlich einen Hang oberhalb einer Häuserzeile ins Rutschen brachte. Der Erdrutsch traf mehrere Häuser gleichzeitig, mitten in der Nacht, während die Bewohner schliefen, und innerhalb kürzester Zeit erreichten uns Meldungen über eine unbekannte, aber offenkundig hohe Zahl an Verletzten, von denen mehrere schwere Wirbelsäulen- und Kopfverletzungen erlitten hatten. Die eigentliche Zufahrtsstraße zu unserer Klinik war, durch denselben Starkregen, streckenweise überflutet und für reguläre Rettungswagen zeitweise nicht passierbar, sodass ein Großteil der ersten Verletzten von der örtlichen Bergrettung, die für genau solche Extremsituationen ausgebildet ist, mit Spezialfahrzeugen und teilweise zu Fuß über provisorische Trageübergabepunkte zu uns gebracht werden musste.

Die Wendung

Ich war an jenem Abend als Chefarzt vom Dienst zuständig, wurde gegen ein Uhr nachts geweckt, und stand binnen weniger Minuten vor der Aufgabe, die uns in der Ausbildung zwar theoretisch vermittelt wird, die man aber, bis man tatsächlich mitten in ihr steht, nie wirklich begreift: eine improvisierte Triage unter Bedingungen, die weit von jedem Lehrbuchszenario entfernt waren. Sieben Patienten mit unterschiedlich schweren Verletzungen erreichten unsere Notaufnahme innerhalb einer knappen Stunde, mehrere von ihnen mit Verdacht auf spinale Verletzungen, während gleichzeitig die Stromversorgung eines Teils der Klinik durch den Sturm kurzzeitig ausfiel und nur durch das Notstromaggregat aufrechterhalten wurde. Ich musste, gemeinsam mit dem diensthabenden Team, in Sekunden entscheiden, welcher Patient welche Priorität erhielt, wohl wissend, dass jede dieser Entscheidungen, unter normalen Umständen, weit mehr Bedenkzeit verdient hätte.

Die Rettung

Wir richteten, in einer Geschwindigkeit, die mich im Rückblick selbst erstaunt, einen provisorischen zweiten Versorgungsbereich in einem eigentlich für andere Zwecke vorgesehenen Raum ein, um die begrenzte Kapazität unserer regulären Notaufnahme zu erweitern. Zwei der Verletzten benötigten eine sofortige operative Versorgung wegen instabiler Wirbelbrüche mit beginnender neurologischer Symptomatik, und ich operierte, gemeinsam mit einem zweiten, eilig herbeigerufenen Kollegen, in dieser einen Nacht zwei parallel laufende, kritische Eingriffe, während das übrige Team die weniger dringlichen Fälle stabilisierte und überwachte. Die Zusammenarbeit mit der Bergrettung, deren Einsatzleiter mir während der gesamten Nacht per Funk präzise Informationen über weitere, noch zu bergende Verletzte lieferte, funktionierte mit einer Reibungslosigkeit, die ich in dieser Form vorher nicht erlebt hatte.

Der Weg zurück

Alle sieben Patienten jener Nacht überlebten, und bis auf einen, der eine bleibende, wenn auch moderate Einschränkung der Beinmotorik zurückbehielt, erholten sich alle im Verlauf der folgenden Monate weitgehend vollständig. Der Einsatzleiter der Bergrettung besuchte mich einige Wochen später in der Klinik, brachte, halb im Scherz, eine kleine, wasserdichte Box als Geschenk mit, „damit die nächste Karteikarte trocken bleibt”, wie er sagte, eine Anspielung auf die Erzählung, die ich ihm über meinen Karteikasten gemacht hatte.

Die Nachwirkung

Diese Nacht hat mir gezeigt, wozu ein eingespieltes Team unter extremem äußerem Druck fähig ist, wenn jeder Einzelne seine Rolle kennt und dem anderen vertraut, eine Erfahrung, die mich in meiner weiteren Zeit als Chefarzt maßgeblich darin bestärkt hat, genau dieses Vertrauen innerhalb meiner Abteilung systematisch zu fördern, durch regelmäßige, realitätsnahe Notfallübungen, die ich nach jener Nacht deutlich ernster nahm als zuvor.

[Does it fit your budget? Then you should proceed! KI-generierte Inhalte können fehlerhaft sein.]Ich lege die kleine, leicht angelaufene Karte zurück in den Kasten, das Regengeräusch draußen hat inzwischen nachgelassen, nur noch ein leises Tropfen von der Dachrinne ist zu hören. Die nächste Karte trägt, in einer mir sehr vertrauten, mittlerweile leicht zittrigen Handschrift, nur zwei Worte: „Für Dich.”

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Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."