Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre
Die Nacht des Festzelts
Karteikarte Nr. 093 — Datum: Spätsommer, während des örtlichen Dorffestes. Kürzel: mehrere, Festzelt-Einsturz bei Sturmböe. Stichwort: acht gleichzeitig eingelieferte Verletzte, davon drei mit Wirbelsäulenbeteiligung, improvisierte Krisenorganisation. Notiz: ein kleines, zerknittertes Festzelt-Programmheft, als Erinnerung aufbewahrt.
Der Fall
Es war der letzte Abend des jährlichen Dorffestes, das traditionelle Festzelt gut gefüllt mit mehreren hundert Besuchern, als eine plötzliche, von den Wetterdiensten nicht vorhergesagte Sturmböe über den See fegte und einen Teil der Zeltkonstruktion zum Einsturz brachte. Innerhalb weniger Minuten erreichten uns Meldungen über zahlreiche Verletzte, viele davon mit Prellungen und Schnittwunden, aber mindestens acht mit dem Verdacht auf ernsthaftere Verletzungen, darunter drei Personen mit möglicher Beteiligung der Wirbelsäule, getroffen von herabstürzenden Zeltstangen und Traversen. Ich war an jenem Abend, rein zufällig, selbst mit meiner Frau auf dem Fest, saß nur wenige hundert Meter vom Festzelt entfernt an einem Ausschanktisch, als mein Diensttelefon, das ich aus alter Gewohnheit auch an freien Abenden bei mir trug, zu vibrieren begann.
Die Wendung
Ich erreichte die Klinik binnen weniger Minuten zu Fuß, noch in meiner Freizeitkleidung, und fand eine Notaufnahme vor, die sich, durch die schiere Zahl der gleichzeitig eintreffenden Verletzten, bereits an ihre organisatorischen Grenzen bewegte. Anders als bei der Sturmnacht mit dem Erdrutsch, die ich bereits beschrieben habe, standen uns diesmal keine überfluteten Zufahrtswege im Weg, dafür aber eine schiere Menge an Patienten, die binnen kürzester Zeit koordiniert werden musste. Ich übernahm, gemeinsam mit der diensthabenden Oberärztin, die medizinische Leitung der Krisensituation, während unser Verwaltungsdienst zusätzliches Personal aus dem Bereitschaftsdienst alarmierte und provisorische Behandlungsbereiche in bislang nicht dafür vorgesehenen Räumen einrichtete.
Die Rettung
Von den drei Patienten mit Verdacht auf Wirbelsäulenbeteiligung erwies sich bei genauerer Untersuchung einer als tatsächlich kritisch, ein junger Mann mit einer instabilen Fraktur, der noch in derselben Nacht operiert werden musste, während die beiden anderen mit konservativen Maßnahmen und engmaschiger Überwachung behandelt werden konnten. Die Operation selbst, unter den gegebenen Umständen einer im Ausnahmezustand befindlichen Klinik durchgeführt, verlangte von mir und meinem Team eine zusätzliche Konzentration, um die Hektik der umgebenden Ereignisse nicht in den OP-Saal hineinwirken zu lassen, eine Trennung, die mir, dank der jahrelangen Routine, glücklicherweise gelang.
Der Weg zurück
Alle drei Patienten mit Wirbelsäulenbeteiligung erholten sich vollständig, ebenso wie die übrigen, weniger schwer verletzten Festbesucher jener Nacht. Der junge Mann, den wir operiert hatten, besuchte mich, gemeinsam mit seiner Verlobten, einige Monate später, an einem gewöhnlichen Kontrolltermin, und erzählte mir, mit einem Lachen, dass er das Fest im folgenden Jahr keineswegs meiden, sondern bewusst wieder besuchen wolle, „diesmal aber mit einem wachsamen Blick nach oben, wenn der Wind auffrischt.”
Die Nachwirkung
Diese Nacht hat mir, ähnlich wie die Sturmnacht mit dem Erdrutsch, erneut gezeigt, wie entscheidend eine eingespielte, vertrauensvolle Zusammenarbeit im Team ist, wenn die gewöhnlichen Abläufe einer Klinik durch ein plötzliches, unvorhersehbares Ereignis vollständig durcheinandergeraten. Wir überarbeiteten, in den folgenden Monaten, gemeinsam mit der örtlichen Festleitung, das Sicherheitskonzept für künftige Veranstaltungen, eine Zusammenarbeit, die mir zeigte, dass gute Notfallmedizin nicht erst in der Klinik beginnt, sondern bereits bei der vorausschauenden Planung von Veranstaltungen, die viele Menschen versammeln. Ich hielt, im folgenden Frühjahr, gemeinsam mit unserem Rettungsdienst, sogar einen kleinen Vortrag vor den örtlichen Vereinen, die künftige Feste organisieren würden, über genau jene Lehren, die wir aus dieser einen turbulenten Nacht gezogen hatten.
Ich bewahre das kleine, zerknitterte Programmheft jenes Festes, das ich in meiner Hosentasche trug, als mein Telefon an jenem Abend zu vibrieren begann, als eine besondere Erinnerung auf. Draußen ist es inzwischen völlig still geworden, ich höre nur noch das gelegentliche Rascheln eines Nachttiers im nahen Garten, und greife nach der nächsten Karte, die mich mit einer einzigen, in einer fremden Sprache geschriebenen Zeile begrüßt.
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Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
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