Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre
Die Nachricht, die niemand abschicken sollte
Karteikarte Nr. 033 — Datum: Frühling. Kürzel: O.K., 45 J. Stichwort: Sturz von einer Leiter, während der Behandlung Entdeckung einer versehentlich an die falsche Person gesendeten, hochsensiblen Nachricht auf seinem Mobiltelefon. Notiz am Rand: “Ein einziger falscher Fingertipp kann mehr Schaden anrichten als mancher Sturz.”
Der Fall
O.K. wurde, nach einem Sturz von einer Leiter bei Arbeiten in seinem eigenen Garten, mit einem Wirbelbruch in unsere Klinik gebracht, ein auf den ersten Blick vollkommen gewöhnlicher Unfall. Während der routinemäßigen Sicherstellung seiner persönlichen Gegenstände bemerkte eine unserer Pflegekräfte, dass sein Mobiltelefon unaufhörlich mit eingehenden Nachrichten vibrierte, eine Situation, die uns zunächst nicht weiter beunruhigte, bis O.K., kurz nach seiner Notoperation, aus der Narkose erwachte und, noch benommen, panisch nach seinem Telefon verlangte.
Die Wendung
O.K. gestand mir, in einem seiner ersten klaren Momente nach der Operation, mit sichtlicher Verzweiflung, dass er, kurz vor seinem Sturz, versehentlich eine hochsensible, für einen engen Vertrauten bestimmte Nachricht an die falsche Person geschickt hatte, einen Empfänger, dessen Identität er mir zunächst nicht offenbaren wollte. Sein Sturz von der Leiter, so stellte sich heraus, war unmittelbar nach diesem Moment schierer Panik geschehen, als er, statt sich auf seine eigentliche Arbeit zu konzentrieren, verzweifelt versucht hatte, die bereits versendete Nachricht rückgängig zu machen.
Die Rettung
Ich konnte, in meiner Rolle als sein behandelnder Arzt, selbstverständlich keine Hilfe bei der eigentlichen, außermedizinischen Krise leisten, die ihn so sehr belastete, aber ich ermutigte ihn, sobald es sein körperlicher Zustand zuließ, die Angelegenheit direkt und ehrlich mit den betroffenen Personen zu klären, statt sich, wie er es zunächst vorhatte, in Ausreden zu flüchten. Ich half ihm dabei, in den ersten Tagen seiner Genesung, in denen er selbst kaum handlungsfähig war, zumindest organisatorisch, indem ich seiner Familie half, seine dringendsten Kommunikationsanliegen zu koordinieren, ohne selbst in die eigentliche persönliche Angelegenheit involviert zu sein.
Der Weg zurück
O.K. erholte sich gut von seiner Wirbelsäulenoperation, und die persönliche Krise, die seinen Sturz ausgelöst hatte, klärte sich, wie er mir bei einem späteren Kontrolltermin mit sichtlicher Erleichterung berichtete, letztlich auf eine für ihn tragbare, wenn auch nicht ganz schmerzfreie Weise, dank eines ehrlichen, wenn auch schwierigen Gesprächs mit den Betroffenen. Er dankte mir, bei jenem Termin, nicht nur für meine medizinische Behandlung, sondern auch für den einfachen, aber wertvollen Rat, das eigentliche Problem direkt anzugehen, statt es weiter zu verdrängen.
Die Nachwirkung
O.K.s Fall hat mir noch einmal eindrücklich vor Augen geführt, wie eng körperliche und emotionale Krisen manchmal miteinander verknüpft sein können, und wie wichtig es ist, als Arzt auch für solche, auf den ersten Blick rein außermedizinischen Zusammenhänge aufmerksam zu bleiben, ohne dabei die eigenen professionellen Grenzen zu überschreiten. Ich habe, seit diesem Fall, ein noch größeres Bewusstsein dafür entwickelt, wie sehr scheinbar rein körperliche Unfälle mitunter eine tieferliegende, emotionale Ursache haben können, ein Zusammenhang, der leicht übersehen wird, wenn man sich, wie es unsere medizinische Ausbildung oft nahelegt, ausschließlich auf die unmittelbaren körperlichen Befunde konzentriert.
Ich denke oft an O.K.s eigene, nüchterne Reflexion über jenen Moment auf der Leiter zurück, die er mir bei einem unserer Gespräche anvertraute: „Ich war so sehr mit meinem Telefon beschäftigt, dass ich völlig vergaß, wo ich mich eigentlich befand.”
Diese schlichte, aber eindrückliche Beschreibung hat mich seither immer wieder daran erinnert, wie sehr unsere digitale, ständig vernetzte Welt neue, unerwartete Gefahrenquellen für ganz gewöhnliche Alltagssituationen schaffen kann, eine Erkenntnis, die ich in meinen eigenen, gelegentlichen Sicherheitshinweisen an Patienten seither bewusster einfließen lasse, besonders wenn es um Tätigkeiten in der Höhe oder mit anderen erhöhten Risiken geht.
Ich lege O.K.s Karte, ohne weitere Details zu jener sensiblen Nachricht, zurück in den Kasten und ziehe die nächste, gespannt auf die Geschichte, die sie birgt.
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