Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre
Die Mondscheinsonate
Karteikarte Nr. 111 — Datum: eine ungewöhnlich klare Vollmondnacht. Kürzel: G.R., 71 J., pensionierte Pianistin. Stichwort: notfallmäßige Operation bei akuter Rückenmarkskompression, Wunsch nach Musik während der Aufwachphase. Notiz: eine kleine, abgegriffene Notenseite der Mondscheinsonate.
Der Fall
G.R. war einundsiebzig Jahre alt, eine pensionierte, in ihrer aktiven Zeit durchaus renommierte Konzertpianistin, als eine akute Verschlechterung einer bereits bekannten Wirbelsäulenerkrankung sie mit einer rasch fortschreitenden Beinschwäche in unsere Notaufnahme brachte, in einer ungewöhnlich klaren, vom vollen Mond erhellten Nacht. Die Diagnose, eine akute Kompression des Rückenmarks, erforderte eine zügige operative Entlastung, und während der Vorbereitungen auf die Operation äußerte G.R., mit einer für ihre Situation bemerkenswerten Gefasstheit, einen ungewöhnlichen, aber, wie ich rasch entschied, ohne Weiteres erfüllbaren Wunsch: Sie bat darum, dass während ihrer Aufwachphase im Anschluss an die Operation leise Musik gespielt werden dürfe, konkret Beethovens Mondscheinsonate, das Stück, das sie, wie sie mir erzählte, in ihrer gesamten Karriere häufiger gespielt hatte als jedes andere.
Die Wendung
Ich operierte G.R. noch in derselben, außergewöhnlich stillen Nacht, eine Dekompression des betroffenen Rückenmarksabschnitts, die technisch anspruchsvoll, aber ohne besondere Komplikationen verlief. Während der Operation selbst dachte ich, in einem kurzen, konzentrierten Moment zwischen zwei Operationsschritten, an ihren Wunsch und an die eigentümliche Symmetrie, dass ausgerechnet in jener klaren Vollmondnacht eine Pianistin zu mir kam, deren Lieblingsstück den Mond bereits im Titel trägt, ein Zufall, der mich, mitten in der konzentrierten Arbeit, kurz innehalten ließ.
Die Rettung
Nach Abschluss der Operation bat ich unsere Pflegekräfte, wie zuvor sorgfältig besprochen, in ihrem Aufwachraum leise die Mondscheinsonate abzuspielen, eine kleine, unkomplizierte Geste, die dennoch, wie mir das Pflegeteam später berichtete, eine bemerkenswerte Wirkung zeigte: G.R. erwachte aus der Narkose deutlich ruhiger und orientierter, als es bei vergleichbar umfangreichen Operationen in ihrem Alter sonst häufig der Fall ist, mit einem leisen, friedlichen Lächeln, noch bevor sie vollständig wach war.
Der Weg zurück
G.R. erholte sich gut und zusehends kräftiger von der Operation, ihre Beinschwäche bildete sich über die folgenden Wochen fast vollständig zurück. Sie kehrte, wenige Monate später, zu ihrem geliebten Klavier zurück, nicht mehr für große Konzertsäle, wie sie mir mit einem nachsichtigen Lächeln erklärte, aber für die kleinen, informellen Hauskonzerte, die sie weiterhin regelmäßig für Freunde und ehemalige Schüler gab. Sie lud mich, aus großer Dankbarkeit, zu einem dieser Abende ein, bei dem sie, vor einer kleinen, aufmerksamen Runde, noch einmal die Mondscheinsonate spielte, mit einer Präzision, die mich, angesichts ihres Alters und ihrer erst kürzlich zurückliegenden Operation, tief beeindruckte.
Die Nachwirkung
G.R.s Geschichte hat mich darin bestärkt, wie viel kleine, unkomplizierte Gesten der individuellen Rücksichtnahme zur Genesung eines Patienten beitragen können, selbst in einem so technisch geprägten Bereich wie der Neurochirurgie. Wir haben, seit diesem Fall, in unserer gesamten Abteilung die Möglichkeit geschaffen, Patienten auf Wunsch mit leiser, für sie persönlich bedeutsamer Musik durch die Aufwachphase zu begleiten, eine kleine Neuerung, die auf G.R.s Wunsch in jener klaren Vollmondnacht zurückgeht. Manche Kollegen waren zunächst skeptisch, ob eine solche Maßnahme wirklich einen messbaren Unterschied mache, doch die durchweg positiven Rückmeldungen unserer Pflegekräfte und Patienten haben diese anfängliche Skepsis inzwischen weitgehend zerstreut, sodass sich die kleine musikalische Begleitung mittlerweile zu einer festen, gern genutzten Option in unserer Aufwachstation entwickelt hat.
Ich lege die kleine, abgegriffene Notenseite, die G.R. mir nach ihrem Hauskonzert schenkte, sorgfältig zu den anderen Erinnerungsstücken, ein zartes Blatt Papier, das mich, wann immer mein Blick darauf fällt, unweigerlich an jene besondere Nacht erinnert. Draußen steht heute Abend kein Vollmond, nur ein schmaler, blasser Halbmond über dem See, und ich beschließe, nach dieser stillen, musikalischen Geschichte, den Kasten für den heutigen Abend endgültig zu schließen.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."