Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre

Die letzte Nachricht

Karteikarte Nr. 015 — Datum: eine Nacht, die ich nie vergessen werde. Kürzel: J.P., 52 J. Stichwort: Notoperation nach einem Sturz, während der Vorbereitung Entdeckung einer Nachricht, die alles veränderte. Notiz am Rand: “Manche Patienten bringen mehr mit in den OP-Saal als ihre eigene Verletzung.”

Der Fall

J.P. wurde, nach einem schweren Sturz in seiner eigenen Wohnung, bewusstlos und regungslos aufgefunden und mit einer akuten Rückenmarkskompression in unsere Notaufnahme gebracht, ein Fall, der, auf den ersten Blick, keine Besonderheiten gegenüber vergleichbaren Notfällen aufwies, die ich in meiner Laufbahn bereits unzählige Male behandelt hatte. Während der routinemäßigen Durchsuchung seiner Kleidung nach persönlichen Gegenständen, die vor einer Operation üblicherweise sichergestellt werden, fand eine unserer Pflegekräfte einen handgeschriebenen, versiegelten Brief in seiner Jackentasche, adressiert an eine Person, deren Name uns zunächst nichts sagte.

Die Wendung

Der Inhalt jenes Briefes, den wir, in Ermangelung anderer Kontaktmöglichkeiten und in der berechtigten Sorge um mögliche Hinweise auf seinen psychischen Zustand, öffnen mussten, deutete auf eine tiefe, seit Langem bestehende Verzweiflung hin, die den Verdacht nahelegte, dass sein Sturz möglicherweise kein reiner Unfall gewesen war. Ich stand, während ich mich auf die dringend notwendige Operation vorbereitete, vor der zusätzlichen, belastenden Aufgabe, gleichzeitig unseren psychiatrischen Konsiliardienst zu alarmieren, um sicherzustellen, dass J.P., sollte er die Operation überleben, auch die notwendige psychologische Unterstützung erhielt.

Die Rettung

Ich operierte J.P. noch in derselben Nacht, ohne jede Verzögerung, eine Entlastung des komprimierten Rückenmarks, die ohne körperliche Komplikationen verlief, während im Hintergrund bereits die notwendigen Vorbereitungen für seine psychiatrische Mitbetreuung liefen. Als er, in den folgenden Tagen, das Bewusstsein wiedererlangte, konfrontierten wir ihn, mit größtmöglicher Behutsamkeit, sowohl mit seiner körperlichen Situation als auch mit dem gefundenen Brief, ein Gespräch, das zu den emotional anspruchsvollsten meiner gesamten Laufbahn zählte.

Der Weg zurück

J.P. erholte sich, körperlich, gut von seiner Operation, und mit intensiver, fortgesetzter psychiatrischer Begleitung begann er, in den folgenden Monaten, einen Weg aus jener tiefen Verzweiflung zu finden, die ihn in jener Nacht an den Rand seines Lebens geführt hatte. Er dankte mir, bei einem späteren Kontrolltermin, mit einer Offenheit, die mich tief bewegte, nicht nur für die Rettung seines Körpers, sondern dafür, dass wir, angesichts jenes Briefes, nicht weggeschaut, sondern die notwendige, weiterführende Hilfe konsequent organisiert hatten.

Die Nachwirkung

J.P.s Fall hat mich eindrücklich daran erinnert, dass eine körperliche Verletzung manchmal nur die sichtbare Oberfläche einer weit tieferen, unsichtbaren Not ist, und wie wichtig es ist, als Ärzte auch für solche stillen, oft gut verborgenen Zeichen aufmerksam zu bleiben. Ich habe seither unser gesamtes Notaufnahmeteam für genau diese Aufmerksamkeit sensibilisiert, in dem Bewusstsein, dass ein einziger, rechtzeitig bemerkter Hinweis manchmal über Leben und Tod entscheiden kann. Wir haben, gemeinsam mit unserem psychiatrischen Konsiliardienst, ein festes Vorgehen entwickelt, das sicherstellt, dass bei jedem Hinweis auf eine mögliche seelische Notlage automatisch und ohne Verzögerung die entsprechende fachliche Unterstützung hinzugezogen wird, unabhängig davon, wie eindeutig der ursprüngliche körperliche Befund erscheinen mag.

J.P. engagiert sich inzwischen, wie er mir bei einem seiner letzten Besuche erzählte, ehrenamtlich in einer Selbsthilfegruppe, in der er anderen Menschen in ähnlich schweren Lebenskrisen beisteht, eine Wendung, die mich, angesichts des Ausgangspunkts seiner Geschichte, mit besonderer Dankbarkeit erfüllt. Ich möchte an dieser Stelle, ganz bewusst, festhalten: Sollten Sie selbst, liebe Leserin, lieber Leser, in einer ähnlich schweren Lebenskrise stecken, zögern Sie bitte nicht, sich Hilfe zu suchen, bei einer Vertrauensperson, einem Arzt oder einer der vielen guten Beratungsstellen, die genau für solche Momente da sind.

Ich lege J.P.s Karte, mit besonderer Behutsamkeit, sorgfältig zurück in den Kasten und ziehe, mit einer stillen, ernsten Nachdenklichkeit, die letzte Karte dieses langen, ereignisreichen Schreibabends.

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Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."