Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Die letzte Karte

Karteikarte Nr. 155 — Datum: —. Kürzel: —. Stichwort: —.

Diese Karte lasse ich, wie schon einmal am Ende des ersten Bandes, bewusst leer.

Ich sitze, während ich diese wenigen, abschließenden Zeilen schreibe, ein letztes Mal für diesen Band an meinem vertrauten Schreibtisch, das Kaminfeuer nur noch sehr schwach glimmend, der Kasten vor mir bis auf diese eine, unbeschriebene Karte inzwischen vollständig geleert. Ich habe, in den vergangenen, arbeitsreichen Monaten, fünfundsiebzig neue Fallgeschichten sorgfältig aufgeschrieben, sechs ausführliche biografische Kapitel über meine eigentlichen Klinikjahre, und, zum allerersten Mal, eine ganz besondere Karte, die nicht von einem Patienten, sondern von der Frau handelt, die all diese Jahre an meiner Seite stand. Und doch spüre ich, ganz genau wie am Ende des ersten Bandes damals, dass mit dem letzten Wort dieses Buches nicht alles vollständig gesagt ist, was eigentlich noch zu sagen wäre.

Es gibt, das weiß ich inzwischen mit einer Gewissheit, die mich selbst manchmal überrascht, immer noch mehr zu erzählen, mehr Fälle, an die ich mich, wenn ich nur lange genug in Erinnerungen versinke, erinnern werde, mehr Momente aus meinem eigenen Leben, die noch auf ihre Erzählung warten. Ich habe gelernt, dieses Gefühl nicht mehr als Last, sondern als ein stilles, geduldig wartendes Versprechen zu betrachten, das ich mir selbst gebe, ohne bereits zu wissen, wann genau ich es einlösen werde. Ich denke manchmal, in stillen, ruhigen Momenten wie diesem, an all die Kollegen, mit denen ich über die vielen Jahrzehnte zusammengearbeitet habe, von denen einige inzwischen selbst längst in den wohlverdienten Ruhestand gegangen sind, während andere noch immer, jede einzelne Nacht, dieselben Flure entlanggehen, die ich einst so gut und vertraut kannte. Ich frage mich manchmal still, ob auch sie, jeder auf seine eigene Weise, einen ähnlichen Kasten voller Erinnerungen mit sich tragen, auch wenn die wenigsten von ihnen sie je zu Papier bringen werden.

Ich denke auch an die vielen Leser, die diesen zweiten Band, ebenso wie den ersten, in die Hand nehmen werden, Menschen, die ich nie persönlich kennenlernen werde und die doch, allein durch das Lesen dieser Zeilen, für einen Moment an meinem Leben teilhaben. Ich hoffe, dass sie, ebenso wie ich selbst beim Schreiben, in diesen Geschichten nicht nur medizinische Fälle finden, sondern etwas von jener Menschlichkeit, die mich all die Jahrzehnte über in diesem Beruf gehalten hat, jene stille Überzeugung, dass hinter jeder Diagnose, jedem Befund, immer ein ganzer Mensch mit seiner eigenen, unverwechselbaren Geschichte steht.

Ich nehme den vertrauten Kugelschreiber ein letztes Mal in die Hand und schreibe, auf diese eine, zuvor bewusst leer gelassene Karte, denselben schlichten Satz, mit dem ich schon einmal, vor über einem Jahr, den Anfang dieses zweiten Bandes markierte: „Es geht weiter.” Ich lege die Karte behutsam zurück in den nun endgültig geleerten Kasten, verschließe ihn sorgfältig, und stelle ihn zurück an seinen angestammten, vertrauten Platz im Regal, direkt neben den beiden fertigen Bänden, die dort bereits auf ihn warten.

Draußen ist es, während ich diese letzten Zeilen für diesen Band schreibe, bereits sehr spät geworden. Der See liegt still und vollkommen dunkel hinter dem Fenster, kein einziges Licht mehr zu sehen, weder auf der gegenüberliegenden Seite noch, wie ich mit einem letzten, müden Blick auf die Uhr feststelle, in den meisten Häusern unseres eigenen Ufers. Ich lösche die letzte, fast heruntergebrannte Kerze, bevor ich, mit einer Müdigkeit, die sich zugleich vollkommen erschöpft und tief, ehrlich zufrieden anfühlt, die Treppe zu unserem gemeinsamen Schlafzimmer hinaufsteige, wo meine Frau, wie so oft in diesen vergangenen, arbeitsreichen Monaten, bereits ruhig schläft, während ihre letzten Klänge vom heutigen Abend noch, ganz leise, in meiner eigenen Erinnerung nachklingen.

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Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."