Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Die Lawine
Karteikarte Nr. 097 — Datum: klarer, trügerisch ruhiger Wintertag. Kürzel: D.R., 27 J., Skitourengeher. Stichwort: Lawinenverschüttung, Rückenmarksverletzung nach Sturz, Bergung durch Lawinenhund. Notiz: ein kleines, abgewetztes Hundehalsband-Anhängsel, vom Bergrettungshund “Arco” getragen.
Der Fall
D.R. war siebenundzwanzig, ein erfahrener Skitourengeher, als er sich, an einem klaren, scheinbar sicheren Wintertag, mit zwei Begleitern auf einen abseits der gesicherten Pisten gelegenen Hang begab. Eine Schneebrettlawine, ausgelöst vermutlich durch die Vibration ihrer eigenen Bewegung, erfasste D.R. mitten im Aufstieg und riss ihn mehrere hundert Meter den Hang hinab, wobei er gegen mehrere Felsbrocken
geschleudert wurde, bevor die Schneemassen zur Ruhe kamen und ihn teilweise verschütteten. Seine beiden Begleiter, die selbst nur knapp der Lawine entkommen waren, begannen sofort mit der Suche und konnten ihn, nach wenigen, quälend langen Minuten, mit einem Arm aus dem Schnee ragend, lokalisieren.
Die Wendung
Die alarmierte Bergrettung erreichte die Unglücksstelle mit einem Lawinensuchhund, dem erfahrenen Rüden Arco, der D.R.s genaue Lage unter der Schneedecke binnen kürzester Zeit bestätigte, was die vollständige Bergung erheblich beschleunigte. Als D.R. schließlich, nach insgesamt gut zwanzig Minuten unter dem Schnee, geborgen wurde, war er bei Bewusstsein, klagte aber über eine vollständige Gefühllosigkeit in beiden Beinen, ein Zustand, der auf eine schwere Rückenmarksverletzung durch den Aufprall gegen die Felsen während des Lawinenabgangs hindeutete. Der herbeigerufene Rettungshubschrauber brachte ihn direkt zu uns, wo ich ihn, noch immer in seiner durchnässten, halb zerrissenen Tourenausrüstung, in der Notaufnahme empfing.
Die Rettung
Die Bildgebung bestätigte eine Fraktur mit Beteiligung des Rückenmarks im Bereich der unteren Brustwirbelsäule. Ich operierte D.R. noch am selben Abend, stabilisierte die betroffenen Wirbelkörper und entlastete das komprimierte Rückenmark mit der größtmöglichen Sorgfalt, wohl wissend, dass die Zeit, die er teilweise verschüttet unter dem Schnee verbracht hatte, zusätzlich zur eigentlichen Verletzung eine erhöhte Unsicherheit hinsichtlich seiner neurologischen Erholungschancen mit sich brachte. Die Operation selbst verlief technisch wie geplant, doch die eigentliche Ungewissheit betraf, wie bei den meisten schweren Rückenmarksverletzungen, weniger die Operation selbst als die Frage, wie viel Funktion sich in den folgenden Wochen und Monaten zurückbilden würde.
Der Weg zurück
D.R.s Erholung verlief langsamer und mühsamer, als wir es uns alle gewünscht hätten, mit einer nur teilweisen Rückkehr der Beinfunktion, die ihm letztlich das Gehen mit Unterarmgehstützen, aber nicht ohne bleibende Einschränkung ermöglichte. Er akzeptierte diesen Ausgang, nach einer verständlicherweise schwierigen ersten Phase der Trauer und Wut, mit einer bemerkenswerten Reife und kehrte, gut ein Jahr später, sogar zu einer angepassten Form des Wintersports zurück, dem Skilanglauf mit einem speziell konstruierten Sitzski. Er besuchte, bei einem seiner Kontrolltermine, gemeinsam mit dem Bergrettungsteam, das ihn geborgen hatte, auch den mittlerweile älteren Lawinenhund Arco, und schenkte mir, als Dank, ein kleines, abgewetztes Anhängsel von Arcos Halsband, das der Hundeführer ihm überlassen hatte.
Die Nachwirkung
D.R.s Geschichte gehört zu jenen in meinem Archiv, die kein vollständiges, makelloses Happy End tragen, und ich habe mich lange gefragt, ob ich sie in dieses Buch aufnehmen sollte, das doch von „Wundern” handelt.
Ich habe mich letztlich bewusst dafür entschieden, weil D.R.s eigene, stille Art, mit einer bleibenden Einschränkung ein erfülltes, aktives Leben weiterzuführen, für mich eine ebenso große Form des Wunders darstellt wie eine vollständige körperliche Genesung, vielleicht sogar eine, die mehr Respekt verdient, weil sie täglich neu erarbeitet werden muss.
Ich denke, wenn ich an D.R. zurückdenke, oft an ein Wort, das er selbst bei einem unserer späteren Gespräche prägte: nicht Genesung, sondern „Anpassung mit erhobenem Kopf”, eine Formulierung, die mich seither begleitet, wann immer ich Patienten mit einer bleibenden Behinderung berate.
Ich lege das kleine Halsband-Anhängsel zu den anderen Erinnerungsstücken, während draußen der Schnee weiterhin lautlos fällt, und ziehe, nach einem Moment des Innehaltens, die nächste Karte aus dem Kasten.
Weiterlesen im Journal
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Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
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Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."