Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Die Kritik, die mich fast zum Aufgeben brachte
Ich lege die Karte des Fremdkörper-Falls, immer noch ein wenig erschüttert von der eigenen Erinnerung, zur Seite, und wende mich, zur Beruhigung, einem Kapitel aus meinem eigenen Leben zu, das ich lange nicht mehr angerührt habe.
Es war im dritten Jahr meiner Tätigkeit als Autor und Verleger, als eine ausführliche, in einer bekannten Literaturzeitschrift veröffentlichte Kritik zu einem meiner frühen Romane erschien, verfasst von einem Rezensenten, dessen Urteil in der Branche als besonders einflussreich galt. Ich hatte, in den Wochen zuvor, mit einer gewissen Nervosität auf diese Besprechung gewartet, in der leisen Hoffnung, sie könnte mir jenen Durchbruch verschaffen, nach dem ich mich, nach den bescheidenen Anfängen meines Verlags, insgeheim sehnte.
Die Kritik, die ich schließlich, an einem regnerischen Nachmittag, in unserem Wohnzimmer las, übertraf meine schlimmsten Befürchtungen bei Weitem. Der Rezensent bescheinigte meinem Roman nicht nur handwerkliche Schwächen, was ich, selbstkritisch, in Teilen sogar hätte nachvollziehen können, sondern formulierte seine Kritik in einer Schärfe, die mich persönlich traf, mit Wendungen, die eher auf eine grundsätzliche Geringschätzung meines gesamten literarischen Vorhabens hindeuteten als auf eine sachliche Auseinandersetzung mit dem konkreten Text. Ich erinnere mich, wie ich die Zeitschrift, nach dem Lesen, für einen langen Moment einfach nur auf dem Tisch liegen ließ, unfähig, irgendetwas zu sagen.
In den folgenden Tagen durchlebte ich eine Phase tiefer Selbstzweifel, die mich, in ihrer Intensität, an jene frühere Krise meiner chirurgischen Laufbahn erinnerte, von der ich bereits in Band 2 erzählt habe. Ich fragte mich ernsthaft, ob ich mir mit meinem zweiten, schriftstellerischen Leben nicht etwas vorgemacht hatte, ob ein Mann, der drei Jahrzehnte in der Neurochirurgie verbracht hatte, tatsächlich das Recht besaß, sich als ernstzunehmender Erzähler zu verstehen, oder ob ich mich, in meiner Naivität, lediglich einer Illusion hingegeben hatte.
Meine Frau war es, wieder einmal, die mich aus dieser Abwärtsspirale herausholte, diesmal mit einer Beobachtung, die mich zunächst überraschte: Sie erinnerte mich daran, wie viele Leserbriefe, ganz gewöhnlicher Leser ohne literaturkritische Ambitionen, mich seit Erscheinen jenes Romans bereits erreicht hatten, Briefe, die von echter, unverstellter Rührung sprachen, von Nächten, in denen mein Buch sie durch eine eigene, schwere Zeit begleitet hatte. „Ein einzelner Kritiker urteilt über die Form”, sagte sie mir, „aber deine Leser urteilen darüber, ob deine Geschichte sie tatsächlich erreicht hat. Beides ist wichtig. Aber nur eines davon war der eigentliche Grund, warum du zu schreiben begonnen hast.”
Ich habe diese Worte nie vergessen, und sie haben mich, in den folgenden Jahren, jedes Mal begleitet, wenn eine weitere kritische Stimme mein Werk in Frage stellte, was, wie es in unserem Beruf nun einmal dazugehört, seither noch mehrfach geschehen ist. Ich schreibe heute, mehr als zwei Jahrzehnte nach jener ersten, schmerzhaften Kritik, weiterhin für genau jene Leser, die sich in meinen Geschichten wiederfinden, und überlasse die endgültige Beurteilung meines literarischen Werts gerne der Zeit und, mehr noch, meinen Lesern selbst. Ich habe mir, seit jenem Nachmittag, eine kleine, persönliche Regel auferlegt: Ich lese professionelle Kritiken zu meinen Büchern zwar noch immer aufmerksam, weil sie mir gelegentlich tatsächlich wertvolle Hinweise geben, aber ich erlaube mir nicht mehr, eine einzelne Stimme über meinen gesamten weiteren Weg als Autor entscheiden zu lassen.
Interessanterweise traf ich jenen Rezensenten, viele Jahre später, zufällig bei einer Literaturveranstaltung wieder, und er gestand mir, mit einer gewissen Verlegenheit, dass er einige meiner späteren Werke durchaus mit mehr Wohlwollen gelesen habe. Ich nahm dieses späte, halbe Eingeständnis mit einer
Gelassenheit auf, die mir zwanzig Jahre zuvor, an jenem regnerischen Nachmittag, noch vollkommen unerreichbar erschienen wäre, ein Beweis dafür, wie sehr sich meine eigene Beziehung zu Kritik über die Jahre gewandelt hatte.
Ich greife nach der nächsten Karte, mit einer neu gewonnenen inneren Ruhe, bereit, den Fallgeschichten dieses Bandes weiter nachzugehen.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."