Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Die Krise
Ich sitze eine Weile regungslos da, das Weinglas in der Hand, unschlüssig, ob ich die nächste Karte wirklich ziehen soll. Es gibt Erinnerungen in diesem Kasten, die ich mir selbst nur selten erlaube, und diese ist eine davon.
Es war im siebten Jahr meiner Zeit als Chefarzt, als ich einen jungen Mann operierte, dessen Fall, medizinisch betrachtet, zu den Routineeingriffen zählte, die ich zu diesem Zeitpunkt bereits Hunderte Male durchgeführt hatte, eine Dekompression bei einem Bandscheibenvorfall, ein Eingriff, bei dem ich mir, wenn ich ehrlich bin, kaum noch bewusst Gedanken über mögliche Komplikationen machte, weil Routine, so lehrte ich es selbst meinen jungen Kollegen, auch eine Gefahr in sich trägt. Während der Operation kam es, aus Gründen, die auch die anschließende, sehr gründliche interne Aufarbeitung nie vollständig klären konnte, zu einer seltenen Gefäßverletzung, die eine erhebliche, unerwartete Blutung auslöste. Ich reagierte, wie ich es all die Jahre gelernt hatte, kontrolliert und schnell, brachte die Blutung letztlich unter Kontrolle, doch der Patient behielt, trotz all unserer Bemühungen, eine bleibende, wenn auch partielle Schwäche in einem Bein zurück, eine Komplikation, die statistisch selten, aber eben nicht ausgeschlossen war und über die ich ihn, wie es meine Pflicht war, vor der Operation aufgeklärt hatte.
Rational wusste ich, in den Tagen nach jener Operation, dass ich nach allen Regeln meines Fachs korrekt gehandelt hatte, dass diese Komplikation zu jenem kleinen, aber nie vollständig auf null reduzierbaren Prozentsatz gehörte, den jede Operation in sich trägt. Und doch begann in mir, in den folgenden Wochen, ein Zweifel zu wachsen, der sich nicht mit rationalen Argumenten beruhigen ließ. Ich begann, vor jeder neuen Operation, eine Anspannung zu verspüren, die ich seit meinen ersten unsicheren Jahren als junger Assistenzarzt nicht mehr gekannt hatte, eine leise, hartnäckige Stimme in mir, die mir, gerade in den kritischen Momenten einer Operation, einflüsterte, dass ich vielleicht doch nicht so sicher war, wie ich all die Jahre geglaubt hatte. Ich schlief schlecht, überprüfte OP-Berichte mehrfach, bat Kollegen um zusätzliche Meinungen bei Fällen, die ich früher ohne Zögern allein entschieden hätte.
Meine Frau war es, die als Erste bemerkte, dass mit mir etwas nicht stimmte, lange bevor ich selbst bereit war, es mir einzugestehen. Sie fragte mich, eines Abends, direkt und ohne Umschweife, ob ich erwogen hätte, mit jemandem darüber zu sprechen, nicht mit einem Kollegen aus der eigenen Klinik, sondern mit jemandem, der mir professionell dabei helfen könnte, diese Erfahrung zu verarbeiten. Ich wehrte den Vorschlag zunächst ab, mit dem Stolz eines Mannes, der sein gesamtes Leben lang gelernt hatte, Schwierigkeiten allein zu bewältigen, ließ mich aber schließlich, nach Wochen wachsender innerer Erschöpfung, doch auf ein Gespräch mit einer erfahrenen Kollegin aus der Psychosomatik ein, eine Entscheidung, die ich im Rückblick als eine der wichtigsten meiner gesamten Laufbahn betrachte.
In mehreren Gesprächen mit ihr verstand ich allmählich, dass das, was ich durchlebte, in unserem Fach einen Namen hat, auch wenn selten offen darüber gesprochen wird: die tief sitzende Erschütterung, die jeder Chirurg irgendwann erlebt, wenn eine Komplikation eintritt, die er nicht hatte verhindern können, und die eigene fachliche Kompetenz plötzlich unter einem Zweifel steht, den keine noch so lange Erfahrung vollständig immunisiert. Sie half mir, zwischen der berechtigten, gesunden Demut vor jeder Operation und der lähmenden, übersteigerten Angst zu unterscheiden, die mich in jenen Wochen zu ersticken drohte. Ich kehrte, nach dieser Phase, in den OP-Saal zurück, nicht als derselbe Chirurg, der ich vorher gewesen war, sondern, wie ich glaube, als ein besserer: vorsichtiger dort, wo Vorsicht geboten war, aber ohne die lähmende Angst, die mich zuvor fast von meinem eigentlichen Beruf entfernt hätte.
Ich habe diese Geschichte, all die Jahre über, nur sehr wenigen Menschen erzählt, aus einem falsch verstandenen Stolz heraus, der Ärzten, glaube ich, besonders eigen ist. Ich erzähle sie jetzt, in diesem Buch, bewusst, weil ich glaube, dass junge Kollegen, die eine ähnliche Krise durchleben, wissen sollten, dass sie damit nicht allein sind, und dass es keine Schwäche, sondern eine Stärke ist, sich in solchen Momenten Hilfe zu suchen.
Ich lege die Karte zurück, das Feuer ist fast heruntergebrannt, nur noch ein schwaches, rotes Glimmen bleibt. Ich beschließe, für heute Abend genug geschrieben zu haben, und nehme mir vor, morgen mit einer leichteren Geschichte fortzufahren.
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Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."