Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Die Karte für meine Tochter
Ich lege die Kartenserie dieses langen Abends für einen Moment beiseite und ziehe, bewusst und mit einer besonderen Absicht, eine Karte, die ich mir selbst, vor einiger Zeit, für genau diesen Moment aufgehoben habe.
Ich habe, in einem früheren Kapitel dieses Bandes, bereits erzählt, wie meine Tochter, vor vielen Jahren, mehr durch Zufall als durch meine eigene Offenheit, das Geheimnis meines Pseudonyms entdeckte, ein Moment, der mich damals mit einer Mischung aus Scham und Erleichterung erfüllte. Seit jenem Tag hat sich unsere Beziehung, Schritt für Schritt, auf eine Weise vertieft, die ich mir, in den ersten, verschlosseneren Jahren meines zweiten Lebens als Autor, kaum hätte vorstellen können, und ich möchte dieser Entwicklung, an dieser Stelle, eine eigene, persönliche Karte widmen, bewusst ohne die übliche Struktur einer Fallgeschichte.
Meine Tochter, die, wie ich mit großem Stolz feststelle, inzwischen selbst eine erfolgreiche berufliche Laufbahn verfolgt, weit entfernt von der Medizin, aber, wie sie mir einmal sagte, „geprägt von derselben Sorgfalt, die ich bei dir all die Jahre beobachtet habe”, ist mir, über die Jahre, zu einer meiner aufmerksamsten und ehrlichsten Leserinnen geworden. Sie liest jedes meiner Manuskripte, noch bevor es meinen Verlag erreicht, mit einem kritischen, aber stets liebevollen Blick, der mir schon mehrfach geholfen hat, blinde Flecken in meiner eigenen Erzählung zu erkennen, die ich selbst, in meiner Nähe zum Text, übersehen hatte.
Ich erinnere mich an ein Gespräch, das wir vor Kurzem führten, in dem sie mir gestand, dass sie, in ihrer eigenen Kindheit, manchmal das Gefühl gehabt habe, meine tatsächliche, innere Aufmerksamkeit mit meinen Patienten teilen zu müssen, ein Eingeständnis, das mich, trotz der Zeit, die seither vergangen ist, tief berührte und mich noch einmal an die Kosten erinnerte, die meine berufliche Hingabe, so erfüllend sie für mich selbst war, für meine eigene Familie mit sich gebracht hatte. Ich habe ihr, bei jenem Gespräch, mit einer Offenheit geantwortet, die mir noch vor wenigen Jahren schwergefallen wäre, dass ich diese Kosten, im Rückblick, zutiefst bedauere, auch wenn ich weiß, dass ich meine damaligen Entscheidungen, mit dem Wissen jener Zeit, nicht grundlegend anders getroffen hätte.
Diese ehrliche, manchmal schmerzhafte Offenheit, die wir uns in den vergangenen Jahren gegenseitig geschenkt haben, ist, für mich, eine der wertvollsten Entwicklungen meines gesamten zweiten Lebens.
Ich widme ihr, an dieser Stelle, meinen aufrichtigen Dank, für ihre Geduld mit einem Vater, der einen großen Teil seines Lebens der Sorge um fremde Menschen widmete, und für ihre bedingungslose, auch in schwierigen Momenten nie erloschene Liebe, die mir, mehr als jede andere Anerkennung, die eigentliche Bedeutung meines Lebens vor Augen führt.
Ich habe ihr, vor einiger Zeit, ein Exemplar dieses noch unvollendeten Manuskripts geschickt, mit der Bitte, mir ehrlich zu sagen, ob sie sich in diesen Zeilen, die so viel von unserer gemeinsamen Geschichte berühren, angemessen und respektvoll dargestellt fühle, eine Frage, die mir, angesichts der Persönlichkeit dieses ganzen Bandes, besonders wichtig war.
Sie antwortete mir, nach sorgfältiger Lektüre, mit einem langen, bewegenden Brief, in dem sie mir schrieb, dass sie sich, zum ersten Mal in einem meiner Bücher, nicht als bloße Randfigur, sondern als integraler, geschätzter Teil meiner Geschichte wahrgenommen fühle, eine Rückmeldung, die mich mit größter Erleichterung erfüllte.
Sie fügte hinzu, dass sie hoffe, dass auch künftige Leser dieses Bandes spüren würden, wie sehr meine beiden Leben, das des Arztes und das des Vaters, letztlich untrennbar miteinander verwoben sind, eine Hoffnung, die ich, mit dieser besonderen Karte, aus vollem Herzen teile.
Ich lege diese besondere, unnummerierte Karte behutsam und mit stiller Rührung zurück und greife, mit einem warmen, dankbaren Gefühl in der Brust, nach der letzten Karte dieses dritten Bandes.
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Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."