Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Die Insel

Karteikarte Nr. 087 — Datum: zwei Wochen während eines medizinischen Hilfseinsatzes. Kürzel: P.T., 52 J., indonesischer Fischer. Stichwort: schwere Wirbelsäulenverletzung nach Bootsunglück, Operation unter improvisierten Bedingungen auf einer kleinen Insel, gemeinsam mit einem lokalen Arzt. Notiz: ein kleines, handgeschnitztes Boot aus Treibholz.

Der Fall

Ich war, in den Jahren als Chefarzt, mehrfach für jeweils zwei bis drei Wochen im Rahmen eines medizinischen Hilfsprogramms auf entlegenen indonesischen Inseln im Einsatz, wo die nächste vollausgestattete Klinik oft eine mehrstündige Bootsfahrt entfernt lag. P.T. war zweiundfünfzig, Fischer seit seiner Kindheit, als sein kleines Boot bei starkem Wellengang kenterte und ihn gegen einen Felsvorsprung schleuderte, wodurch er sich eine schwere Wirbelsäulenverletzung mit einer zunehmenden Lähmung beider Beine zuzog. Als seine Familie ihn, auf einer improvisierten Trage, zu der

kleinen Gesundheitsstation brachte, an der ich zu jener Zeit arbeitete, war mir sofort klar, dass sein Zustand eine Operation erforderte, die weit über das hinausging, was diese einfache Station normalerweise leisten konnte.

Die Wendung

Der nächste Ort mit einer für eine solche Operation geeigneten Infrastruktur war, bei den herrschenden Wetterbedingungen, mit dem Boot erst nach vielen Stunden zu erreichen, eine Zeitspanne, in der sich P.T.s neurologischer Zustand mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter verschlechtert hätte. Gemeinsam mit Dr. Wayan, dem einzigen ständig vor Ort tätigen Arzt der Insel, einem Allgemeinmediziner mit chirurgischer Grunderfahrung, aber ohne spezifische neurochirurgische Ausbildung, trafen wir die Entscheidung, unter den gegebenen, denkbar improvisierten Bedingungen selbst zu operieren, anstatt die riskante Verlegung zu wagen. Wir verständigten uns, während wir die spärlich vorhandenen sterilen Instrumente sortierten, in einer Mischung aus meinem rudimentären Indonesisch und seinem guten Englisch, über einen chirurgischen Plan, der weit von dem entfernt war, was ich aus meiner eigenen, technisch bestens ausgestatteten Klinik gewohnt war.

Die Rettung

Wir operierten P.T. bei Kerzenlicht und einer batteriebetriebenen Notfallleuchte, nachdem der spärliche Generator der Station mitten in der Vorbereitung ausgefallen war, eine Situation, die mich in diesem Moment an die deutlich besser ausgestatteten, aber im Kern ganz ähnlichen Herausforderungen erinnerte, die ich Jahre zuvor während meines Kenia-Aufenthalts erlebt hatte, den ich in meinem ersten Archiv-Band beschrieben habe. Dr. Wayan assistierte mit einer Ruhe und Präzision, die mich tief beeindruckte, und wir gelang es, in einer mehrstündigen, improvisierten, aber sorgfältig durchdachten Operation, den Druck auf P.T.s Rückenmark zu entlasten und die Wirbelsäule notdürftig, aber ausreichend zu stabilisieren.

Der Weg zurück

P.T. erholte sich, entgegen unserer vorsichtigen Prognose angesichts der improvisierten Umstände, überraschend gut. Die Lähmung in seinen Beinen bildete sich über die folgenden Monate größtenteils zurück, und als ich, ein Jahr später, im Rahmen eines weiteren Einsatzes zurückkehrte, saß er bereits wieder, wenn auch mit sichtbarer Vorsicht, in seinem reparierten Fischerboot. Er schenkte mir bei diesem Wiedersehen ein kleines, von ihm selbst aus Treibholz geschnitztes Boot, als Dank, wie er über Dr. Wayan, der weiterhin übersetzte, ausrichten ließ, „für die beiden Ärzte, die mich zurück aufs Wasser gebracht haben.”

Die Nachwirkung

Dieser Fall hat mir, ähnlich wie meine Erfahrungen in Kenia, erneut vor Augen geführt, dass exzellente Medizin nicht zwingend an exzellente technische Ausstattung gebunden ist, sondern ebenso von der Bereitschaft abhängt, unter widrigsten Umständen zusammenzuarbeiten, zu improvisieren und einander zu vertrauen. Die Partnerschaft mit Dr. Wayan, die sich über mehrere gemeinsame Einsätze hinweg vertiefte, gehört zu den prägendsten kollegialen Beziehungen meiner gesamten Laufbahn, obwohl wir, gemessen an unserer jeweiligen medizinischen Ausbildung, aus vollkommen unterschiedlichen Welten kamen.

Ich stelle das kleine geschnitzte Boot zu den anderen Erinnerungsstücken auf dem Regal über meinem Schreibtisch, direkt neben der kleinen, gepressten Feder aus meinem ersten Archiv-Band, und ziehe die nächste Karte, die mich mit einer kurzen, in Kinderschrift verfassten Notiz sofort zum Lächeln bringt.

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