Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre
Die Frau mit den zwei Gesichtern
Karteikarte Nr. 014 — Datum: Herbst. Kürzel: C.V., 39 J. Stichwort: schwerer Wirbelbruch, während der Behandlung Entdeckung, dass die Patientin unter falscher Identität lebte, aus Gründen, die erst nach und nach ans Licht kamen. Notiz am Rand: “Sie trug zwei Namen und, wie sich zeigte, aus gutem Grund auch zwei Leben.”
Der Fall
C.V. wurde, nach einem schweren Sturz von einer Leiter, mit einem schweren Wirbelbruch in unsere Klinik eingeliefert, und alles an ihrer Aufnahme verlief zunächst vollkommen gewöhnlich, bis unsere Verwaltung, bei der routinemäßigen Überprüfung ihrer Versicherungsdaten, eine Unstimmigkeit bemerkte: Der Name auf ihrem Ausweis stimmte nicht mit dem Namen überein, unter dem sie bei ihrer Krankenversicherung geführt wurde. Als ich sie, nach ihrer notwendigen Notoperation, in einem ruhigen Moment ihrer Genesung darauf ansprach, erstarrte sie sichtlich, und ich erkannte, an ihrer Reaktion, dass hinter dieser administrativen Unstimmigkeit eine weitaus komplexere Geschichte steckte.
Die Wendung
C.V. vertraute sich mir schließlich, nach mehreren behutsamen Gesprächen, an: Sie lebte, aus Gründen, die mit einer früheren, gewalttätigen Beziehung zusammenhingen, seit mehreren Jahren unter einer neuen, offiziell zugewiesenen Identität, ein Schutzprogramm, das ihr ein von ihrem früheren Partner unabhängiges, sicheres Leben ermöglichen sollte. Ihr Sturz und die daraus resultierende Krankenhausbehandlung hatten nun, ungewollt, genau jene administrative Spur hinterlassen, die sie, um jeden Preis zu vermeiden versucht hatte, eine Situation, die sie in akute, verständliche Angst versetzte.
Die Rettung
Ich kontaktierte, mit C.V.s ausdrücklichem Einverständnis, umgehend die für ihren Schutz zuständige Behörde, um sicherzustellen, dass ihre medizinische Behandlung keine Rückschlüsse auf ihren tatsächlichen Aufenthaltsort nach außen dringen ließ. Wir passten, in enger Abstimmung mit dieser Behörde, unsere gesamte interne Dokumentation und Kommunikation so an, dass ihre Sicherheit während des gesamten weiteren Klinikaufenthalts gewährleistet blieb, eine ungewöhnliche, aber notwendige Zusammenarbeit zwischen medizinischer und behördlicher Schutzverantwortung.
Der Weg zurück
C.V. erholte sich gut und vollständig von ihrer Operation, und die zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen, die wir gemeinsam mit der zuständigen Behörde trafen, verliefen, zu unser aller Erleichterung, ohne weitere Zwischenfälle. Sie bedankte sich, bei ihrer letztendlichen Entlassung, mit einer Rührung, die mich tief bewegte, nicht nur für ihre medizinische Behandlung, sondern für die Selbstverständlichkeit, mit der wir ihre außergewöhnliche, von Angst geprägte Lebenssituation ernst genommen hatten, ohne sie in Frage zu stellen.
Die Nachwirkung
C.V.s Fall hat mich mit einer Realität konfrontiert, die mir zuvor nur aus Presseberichten bekannt war: dass manche Menschen, aus schierer Notwendigkeit, ihr gesamtes bisheriges Leben hinter sich lassen müssen, um ihre eigene Sicherheit zu gewährleisten, und wie fragil eine solche neue Identität durch scheinbar harmlose administrative Vorgänge, wie eine Krankenhauseinlieferung, gefährdet werden kann. Wir haben, seit diesem Fall, ein festes Protokoll für die diskrete Behandlung von Patienten in vergleichbaren Schutzprogrammen entwickelt, das seither, zu meiner eigenen Überraschung, bereits ein weiteres Mal zur Anwendung kam, ein Beleg dafür, dass solche Situationen weit weniger selten sind als ich es mir vor C.V.s Fall hätte vorstellen können.
Ich denke oft an den Moment zurück, in dem C.V. mir schließlich ihre wahre Geschichte anvertraute, an die Mischung aus Erleichterung und tiefer Furcht, die sich gleichzeitig in ihrem Gesicht zeigte. Ich habe seither gelernt, bei ungewöhnlichen administrativen Diskrepanzen in Patientenakten nicht vorschnell von Betrug oder Nachlässigkeit auszugehen, sondern die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass dahinter, wie in C.V.s Fall, eine ernsthafte, oft lebensbedrohliche Schutzbedürftigkeit stehen könnte, die mit äußerster Diskretion und Sorgfalt behandelt werden muss.
Ich lege C.V.s Karte, bewusst ohne einen ihrer beiden Namen, sorgfältig zurück in den Kasten und ziehe die nächste, in dem Bewusstsein, dass hinter jeder dieser Karten weit mehr stecken kann, als eine einzelne Diagnose je erfassen könnte.
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