Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre

Die Frau am Klavier

Ich lege die vorletzte Karte vor mich hin, eine, die, anders als alle anderen in diesem Kasten, von keinem Patienten handelt, sondern von der Frau, deren Klavierspiel dieses ganze Buch, von der ersten bis zur letzten Seite, aus dem Nebenzimmer begleitet hat, ohne dass ich es bisher für nötig gehalten hätte, ihr eine eigene Karte zu widmen.

Meine Frau hat, in all den Jahrzehnten unserer gemeinsamen Ehe, nie eine einzige der unzähligen Nächte gezählt, die ich im OP-Saal verbrachte, während sie zu Hause allein am Küchentisch saß und wartete, ohne zu wissen, wann und in welchem Zustand ich zurückkehren würde. Sie hat, während meiner gesamten aktiven Zeit als Chirurg, eine stille, nie eingeforderte Geduld aufgebracht, die ich, wenn ich ehrlich bin, erst in den Jahren nach meinem Ruhestand in ihrem vollen Ausmaß zu würdigen begann, während ich, mit dem Abstand der zurückliegenden Jahre, immer klarer erkannte, wie viel von meiner beruflichen Beständigkeit tatsächlich auf ihrer stillen, unerschütterlichen Unterstützung ruhte.

Ich erinnere mich an unzählige Abende, an denen ich, erschöpft von einer besonders schwierigen Operation, wortlos neben ihr am Kamin saß, unfähig, über das zu sprechen, was ich an jenem Tag erlebt hatte, und wie sie, ohne je eine erklärende Antwort einzufordern, einfach zu spielen begann, dieselben Stücke, die sie schon spielte, als wir uns kennenlernten, eine musikalische Sprache, die zwischen uns beiden all die Jahre über oft mehr sagte, als es Worte je hätten leisten können. Diese Musik, die sich durch beide Bände dieses Archivs zieht, von der Mondscheinsonate bis zu den vielen namenlosen Abenden, an denen ich einfach nur zuhörte, während ich die nächste Karte beschriftete, war nie bloß Hintergrundklang, sondern ein eigener, stiller Teil dieser gesamten Erzählung.

Als ich sie, vor wenigen Wochen, fragte, ob sie sich vorstellen könne, all die Jahre noch einmal genauso zu leben, mit all den einsamen Abenden, den plötzlichen nächtlichen Anrufen, den verpassten Familienfeiern, weil ich im OP-Saal gebraucht wurde, antwortete sie, nach kurzem Nachdenken, mit einer Gelassenheit, die mich noch heute berührt: „Ich habe nie das Gefühl gehabt, neben deinem Beruf zu leben. Ich habe das Gefühl gehabt, mit ihm zusammen etwas Größeres zu leben, auch wenn ich selbst nie am OP-Tisch stand.” Diese Antwort hat mir, mehr als jede andere Geste, gezeigt, wie sehr diese beiden Bände, so sehr sie von meiner eigenen Laufbahn erzählen, in Wahrheit auch von ihr handeln, auch wenn ihr Name auf keiner einzigen der vorangegangenen Karten erscheint.

Ich schreibe diese Zeilen, während sie, im Nebenzimmer, ein letztes Mal für diesen Abend spielt, und ich weiß, ohne es aussprechen zu müssen, dass dieses Buch ohne sie, ohne ihre stille, beständige Gegenwart über all die Jahrzehnte, nie diese Form gefunden hätte. Ich lege diese Karte, zum ersten Mal in beiden Bänden ausdrücklich ihr gewidmet, mit einer Dankbarkeit in den Kasten, die tiefer reicht als jede der fünfundsiebzig Fallgeschichten, die diesem Band vorausgingen. Ich habe mir, während ich diese Zeilen schreibe, vorgenommen, ihr das fertige Buch nicht einfach, wie schon bei allen vorherigen Bänden, kommentarlos auf den Nachttisch zu legen, sondern sie eines Abends, bei einem Glas Wein und bei genau jener Musik, die uns beide all die Jahre begleitet hat, persönlich zu diesem einen Kapitel zu führen, damit sie selbst liest, was ich mich all die Jahre über nie in dieser Ausführlichkeit zu sagen getraut habe.

Es gibt, glaube ich, in jedem langen, erfüllten Berufsleben eine stille Mitautorin oder einen stillen Mitautor, dessen Beitrag sich nirgendwo in den offiziellen Aufzeichnungen findet und der doch, bei genauerem Hinsehen, in jeder einzelnen Zeile mitschwingt.

Für mich war und ist diese stille Mitautorin meine Frau, und ich bin dankbar, dass mir dieser zweite Band endlich den Raum gegeben hat, ihr, wenn auch spät, genau diese eine, ihr eigens gewidmete Karte zu schenken, bevor ich mich der letzten, bewusst offen gelassenen Seite dieses Archivs zuwende.

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Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."