Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Die Flaschenpost
Karteikarte Nr. 147 — Datum: Sommer, viele Jahre nach einer ersten Begegnung. Kürzel: J.R., 58 J. Stichwort: eine vor Jahrzehnten von einem jungen Patienten ins Wasser geworfene Flaschenpost, unerwartet Jahre später am anderen Ende des Sees gefunden, führte zur erneuten Kontaktaufnahme. Notiz: die tatsächliche, inzwischen leicht vergilbte Flaschenpost.
Der Fall
J.R. war achtundfünfzig, als er mich, nach vielen Jahren ohne Kontakt, unerwartet in meiner Sprechstunde aufsuchte, nicht wegen eines neuen medizinischen Anliegens, sondern um mir eine Geschichte zu erzählen, die ihn selbst tief bewegt hatte. Er war, Jahrzehnte zuvor, als junger Mann von mir wegen eines schweren Bandscheibenvorfalls operiert worden, eine Behandlung, an die ich mich, ehrlich gesagt, ohne seine Erinnerungshilfe nicht mehr im Detail erinnert hätte, angesichts der schieren Zahl vergleichbarer Fälle in meiner Laufbahn. Während seiner damaligen Genesung, so erzählte er mir, hatte er, in einem Moment kindlicher Hoffnung, eine Flaschenpost mit einer kurzen Dankesnachricht an mich in den Wörthersee geworfen, ohne ernsthaft mit einer Antwort zu rechnen.
Die Wendung
Diese Flasche, so unwahrscheinlich es klingt, wurde erst kürzlich, viele Jahrzehnte später, von einem Spaziergänger am gegenüberliegenden Ende des Sees gefunden, der, neugierig geworden, die noch lesbare Nachricht samt Absenderadresse entzifferte und Kontakt zu J.R. aufnahm, der die Flasche vor so langer Zeit als junger Mann geworfen hatte. J.R., zutiefst berührt von diesem unwahrscheinlichen Wiederauftauchen eines Andenkens aus seiner eigenen Jugend, beschloss daraufhin, auch mich, den ursprünglichen Adressaten jener Nachricht, endlich persönlich aufzusuchen, um mir, wie er sagte, „nach so vielen Jahren doch noch direkt zu danken.”
Die Rettung
Es gab, in diesem Sinne, keine eigentliche medizinische „Rettung” mehr zu leisten, da J.R.s ursprüngliche Operation längst erfolgreich verheilt war und er, wie er mir versicherte, seit jener Zeit nie wieder ernsthafte Rückenprobleme gehabt hatte. Die eigentliche „Rettung” dieser Geschichte lag vielmehr in der Flasche selbst, die über Jahrzehnte im Wasser des Sees getrieben war, ohne zu zerbrechen oder unauffindbar zu verschwinden, ein kleines, unwahrscheinliches Wunder der Beständigkeit.
Der Weg zurück
J.R. übergab mir, bei unserem unerwarteten Wiedersehen, die tatsächliche, inzwischen leicht vergilbte Flaschenpost, deren Inhalt ich, mit einer Mischung aus Rührung und Erheiterung, laut vorlas: wenige, kindlich formulierte Sätze eines jungen Mannes, der sich bei mir für die Rückkehr zu einem schmerzfreien Leben bedankte. Wir verbrachten, bei diesem unerwarteten Wiedersehen, eine ganze Stunde damit, uns gegenseitig zu erzählen, was aus unseren jeweiligen Leben in den dazwischenliegenden Jahrzehnten geworden war.
Die Nachwirkung
J.R.s Geschichte gehört zu den ungewöhnlichsten, aber auch schönsten in meinem gesamten Archiv, weil sie mir vor Augen führt, wie lange manche Formen der Dankbarkeit auf ihrem Weg sein können, selbst wenn sie, wie in diesem Fall, buchstäblich Jahrzehnte im Wasser treiben, bevor sie ihr Ziel erreichen. Ich stelle die vergilbte Flaschenpost, versehen mit der ursprünglichen, kleinen Glasflasche, zu meinen anderen, besonderen Erinnerungsstücken, ein stiller Beweis dafür, dass manche Botschaften, allen Widrigkeiten zum Trotz, doch noch ankommen. Der Spaziergänger, der die Flasche fand, erhielt von J.R., aus Dankbarkeit für seine Mühe, eine Einladung zu einem gemeinsamen Essen, aus der sich, wie J.R. mir erzählte, inzwischen eine lockere, freundschaftliche Bekanntschaft entwickelt hat, ein weiteres kleines, unerwartetes Kapitel dieser ungewöhnlichen Geschichte, das ohne den zufälligen Fund jener Flasche nie entstanden wäre.
Ich denke, seit diesem Wiedersehen, häufiger an all die anderen kleinen Gesten der Dankbarkeit zurück, die mir über die Jahrzehnte meiner Laufbahn begegnet sind, viele davon in diesem Archiv bereits festgehalten, und frage mich manchmal, wie viele weitere, mir selbst nie bekannt gewordene Zeichen der Dankbarkeit wohl irgendwo in der Welt unterwegs sind, auf ihre eigene, ungewisse Art und Weise, ohne je ihr Ziel zu erreichen oder auf Umwegen, wie J.R.s Flasche, doch noch anzukommen.
Ich ziehe, mit einem letzten, nachdenklichen Blick auf die kleine Flasche, die nächste Karte aus dem Kasten.
Weiterlesen im Journal
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Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
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Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."