Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Die Fährtenleserin
Karteikarte Nr. 022 — Datum: Winter, während einer Wildtiererfassung im Grenzgebiet. Kürzel: S.K., 36 J., Wildtierbiologin. Stichwort: Sturz in unwegsamem Gelände bei der Beobachtung eines seltenen Luchses, Wirbelsäulenverletzung fernab jeder befestigten Straße. Notiz: ein Foto des Luchses, das S.K. wenige Minuten vor ihrem Sturz aufnahm.
Der Fall
S.K. war sechsunddreißig Jahre alt, engagierte Wildtierbiologin, die im Auftrag einer Naturschutzorganisation die Bewegungen einer der wenigen im Grenzgebiet lebenden Luchse dokumentierte, als sie, bei der vorsichtigen Annäherung an eine geeignete Beobachtungsposition in steilem, unwegsamem Waldgelände, auf vereistem Untergrund ausrutschte und mehrere Meter abstürzte. Sie war, aufgrund der Abgeschiedenheit ihres Forschungsgebiets, allein unterwegs, mit nur begrenztem Mobilfunkempfang, eine Situation, die die Alarmierung von Hilfe erheblich erschwerte.
Die Wendung
S.K. gelang es, trotz erheblicher Schmerzen und einer bereits spürbaren Schwäche in einem Bein, mit letzter Kraft eine kurze Notrufnachricht abzusetzen, bevor der spärliche Empfang vollständig abbrach, eine Nachricht, die glücklicherweise ausreichte, um die Bergrettung mit einer groben Standortangabe zu alarmieren. Die anschließende Suche in dem unwegsamen, teilweise vereisten Gelände gestaltete sich, wie mir der Einsatzleiter später ausführlich berichtete, außerordentlich schwierig, und es vergingen mehrere angespannte Stunden, bis sie schließlich gefunden und geborgen werden konnte.
Die Rettung
Als S.K. schließlich, deutlich unterkühlt, in unserer Klinik eintraf, bestätigte die Bildgebung einen Wirbelbruch mit beginnender, ernstzunehmender neurologischer Beeinträchtigung, den ich noch in derselben Nacht sorgfältig operativ versorgte, eine Stabilisierung und Entlastung, die glücklicherweise ohne weitere Komplikationen verlief. Ich war, während der Operation, von der Vorstellung begleitet, wie sie, allein und verletzt, stundenlang in jener eisigen Winterlandschaft auf Hilfe gewartet hatte, eine Vorstellung, die mich zusätzlich zu größter Sorgfalt anspornte.
Der Weg zurück
S.K.s Beinschwäche bildete sich, in den folgenden Monaten, weitgehend und stetig zurück, und sie kehrte, nach sorgfältiger, geduldiger Rehabilitation, tatsächlich zu ihrer geliebten Forschungstätigkeit zurück, wenn auch, wie sie mir bei ihrem letzten Kontrolltermin ausdrücklich versicherte, „mit deutlich mehr Vorsicht bei der Wahl meiner Beobachtungspositionen und stets mit einem zweiten Satellitenkommunikationsgerät im Gepäck.” Sie zeigte mir, bei jenem Termin, das Foto des Luchses, das sie wenige Minuten vor ihrem Sturz aufgenommen hatte, ein seltenes, außerordentlich beeindruckendes Bild, das, wie sie mir erzählte, maßgeblich zur weiteren Finanzierung ihres wichtigen Forschungsprojekts beitrug.
Die Nachwirkung
S.K.s Fall hat mir eindrücklich vor Augen geführt, welchen Gefahren sich Menschen in Forschungsberufen fernab jeder Zivilisation regelmäßig aussetzen, oft im Dienste eines größeren, wissenschaftlichen Anliegens, das ihnen persönlich sehr am Herzen liegt. Ich habe seither ein größeres Bewusstsein für die besonderen medizinischen Herausforderungen entwickelt, die eine Rettung aus solch abgelegenen Forschungsgebieten mit sich bringt. Ich habe, im Anschluss an diesen Fall, gemeinsam mit der zuständigen Naturschutzorganisation, an der Entwicklung verbesserter Sicherheitsprotokolle für Feldforscherinnen und Feldforscher mitgewirkt, die künftig regelmäßiger Kontakt zu einer zentralen Stelle halten sollen, gerade wenn sie sich, wie S.K., allein in besonders abgelegenen Gebieten aufhalten.
Besonders beeindruckt hat mich S.K.s eigene, nüchterne Einschätzung ihrer Situation während jener Stunden des Wartens: Sie erzählte mir, dass sie sich, um die Kälte und den Schmerz besser zu ertragen, bewusst auf die Erinnerung an den Luchs konzentriert habe, den sie kurz zuvor beobachtet hatte, ein Moment reiner, unverfälschter Naturbeobachtung, der ihr, wie sie es ausdrückte, „geholfen hat, nicht die Hoffnung zu verlieren.” Diese Fähigkeit, sich in einer existenziellen Notlage an einen schönen, bedeutungsvollen Moment zu klammern, habe ich seither bei mehreren Patienten in ähnlich extremen Situationen wiedererkannt, und sie hat mich in meiner Überzeugung bestärkt, wie wichtig solche inneren Ankerpunkte für das menschliche Durchhaltevermögen sein können.
Ich betrachte das eindrucksvolle Foto des Luchses, das S.K. mir schenkte, bevor ich es zu meinen ungewöhnlichsten Erinnerungsstücken lege und die nächste Karte aus dem Kasten ziehe.
Weiterlesen im Journal
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Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
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