Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Die Fähre
Karteikarte Nr. 044 — Datum: sommerlicher Nachmittag, plötzlicher Sturmwind auf dem See. Kürzel: mehrere Verletzte, Kollision zweier Boote nahe dem Ufer. Notiz am Rand: “Selbst der vertrauteste See kann binnen Minuten zur Gefahrenzone werden.”
Der Fall
An einem eigentlich sehr ruhigen Sommernachmittag zog, ohne die übliche Vorwarnzeit, ein plötzlicher, heftiger Sturmwind über den Wörthersee, der eine kleine Personenfähre und ein privates Segelboot in unmittelbarer Ufernähe kollidieren ließ, als beide Boote versuchten, gleichzeitig einen sicheren Hafen anzusteuern. Mehrere Passagiere der Fähre wurden durch den Aufprall gegen die Reling geschleudert, darunter zwei mit Verdacht auf eine Wirbelsäulenbeteiligung, während das kleinere Segelboot kenterte und seine beiden Insassen ins aufgewühlte Wasser stürzten.
Die Wendung
Die herbeigeeilte Wasserrettung musste, angesichts der weiterhin schwierigen Wetterbedingungen, gleichzeitig die Bergung der ins Wasser gestürzten Segelbootinsassen und die Versorgung der auf der Fähre verletzten Passagiere koordinieren, eine komplexe, unter erschwerten Bedingungen durchzuführende Doppelrettung. Ich stand, sobald die ersten Verletzten unsere Klinik erreichten, vor der Herausforderung, mehrere, unterschiedlich schwer betroffene Patienten gleichzeitig zu priorisieren, eine Situation, die mich an ähnliche, in diesem Archiv bereits beschriebene Massenanfälle erinnerte.
Die Rettung
Wir versorgten alle Verletzten in enger, gut koordinierter Zusammenarbeit unseres gesamten verfügbaren Teams, wobei sich bei einem der beiden Patienten mit Verdacht auf Wirbelsäulenbeteiligung tatsächlich ein ernsthafter, behandlungsbedürftiger Wirbelbruch bestätigte, den ich noch in derselben Nacht operierte, eine Stabilisierung, die ohne weitere Komplikationen verlief. Die übrigen Verletzten konnten, nach entsprechender Erstversorgung, ohne bleibende Schäden aus unserer Behandlung entlassen werden.
Der Weg zurück
Der operierte Patient erholte sich gut und vollständig von seiner Verletzung, und die beiden beteiligten Bootsführer, die sich zunächst gegenseitig für die Kollision verantwortlich machten, fanden, wie ich später erfuhr, im Rahmen einer behördlichen Untersuchung eine einvernehmliche Klärung, die letztlich auf die extreme, kaum vorhersehbare Plötzlichkeit des Sturms zurückzuführen war, statt auf ein tatsächliches Fehlverhalten einer der beiden Parteien. Beide Boote wurden, nach diesem folgenschweren Vorfall, mit zusätzlichen, modernen Sicherheitsvorkehrungen für kurzfristige Wetterwarnungen ausgestattet, eine technische Nachrüstung, die der zuständigen Schifffahrtsbehörde seither auch bei anderen Booten unserer Region empfohlen wird.
Die Nachwirkung
Dieser Vorfall hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie schnell selbst ein vertrauter, gewöhnlich ruhiger See sich in eine unerwartete Gefahrenzone verwandeln kann, und wie wichtig eine gut koordinierte Zusammenarbeit zwischen Wasserrettung und Klinik bei komplexen, gleichzeitig mehrere Verletzte betreffenden Wasserunfällen ist. Ich habe seither ein größeres Bewusstsein für die besonderen Herausforderungen der Wasserrettung entwickelt und mehrere Gespräche mit unserer örtlichen Wasserrettung über die besonderen Kommunikations- und Koordinationsprotokolle geführt, die eine solche gleichzeitige Doppelrettung, wie sie an jenem Nachmittag notwendig wurde, von gewöhnlichen, einzelnen Rettungseinsätzen unterscheiden.
Ich denke oft an die schiere Plötzlichkeit zurück, mit der jener Sturm über den ansonsten so ruhigen See hereinbrach, eine meteorologische Erfahrung, die mich, obwohl ich selbst seit Jahrzehnten am Ufer dieses Sees lebe, noch einmal daran erinnerte, wie trügerisch vertraute, alltägliche Umgebungen sein können. Ich habe, seit diesem Vorfall, gemeinsam mit unserer örtlichen Wetterwarte, über die Möglichkeit gesprochen, kurzfristige Sturmwarnungen für den See noch zuverlässiger und schneller an die dort verkehrenden Boote zu übermitteln, eine kleine, aber möglicherweise wichtige präventive Maßnahme, die aus diesem einen, glücklicherweise glimpflich verlaufenen Nachmittag erwuchs.
Der operierte Patient besuchte mich, einige Monate nach seiner vollständigen Genesung, gemeinsam mit dem Fährkapitän, mit dem sich, wie beide mir bei diesem gemeinsamen Besuch erzählten, aus der geteilten Erfahrung jenes dramatischen Nachmittags eine unerwartete, herzliche Freundschaft entwickelt hatte, ein weiteres kleines Beispiel dafür, wie gemeinsam durchlebte Krisen manchmal zu bleibenden, positiven menschlichen Verbindungen führen können.
Ich lege die Karten dieses ungewöhnlichen Nachmittags sorgfältig zurück in den Kasten und ziehe die nächste, gespannt auf die Geschichte, die sie diesmal birgt.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."