Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre

Die Facharztprüfung

Ich lege ein weiteres Scheit nach, beobachte, wie sich die ersten Flammen an der trockenen Rinde festbeißen, und lasse die Erinnerung zurückkehren, die sich mir gerade aufgedrängt hat, unaufgefordert, wie es Erinnerungen an diesem Schreibtisch inzwischen fast immer tun.

Ich war zweiundvierzig, als ich meine Facharztprüfung zur Neurochirurgie ablegte, deutlich älter als die meisten meiner Prüfungskollegen, die geradlinig von der Schule über das Studium in die Facharztausbildung gefunden hatten, während ich einen Umweg hinter mir hatte, der mir manchmal wie ein ganzes zweites Leben vorkam: die Bank, das nachgeholte Abitur, die Wartejahre, das Medizinstudium, die Pharmajahre. An dem Morgen der Prüfung saß ich in einem kargen Flur vor dem Prüfungszimmer, in derselben Anspannung, die ich Jahrzehnte zuvor schon einmal empfunden hatte, als ich am Comenius-Kolleg auf die Ergebnisse meiner Abiturprüfung wartete, nur dass diesmal weit mehr auf dem Spiel stand als ein Zeugnis. Ich hatte, anders als die meisten meiner jüngeren Kollegen, keine Familie, die mich hätte auffangen können, wäre ich gescheitert. Ich hatte mein gesamtes bisheriges Leben, jeden einzelnen Umweg, auf dieses eine Ziel ausgerichtet.

Die Prüfungskommission bestand aus drei Chefärzten, deren Namen in der Fachwelt einen Klang hatten, den ich mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Nervosität kannte. Sie fragten mich, wie es üblich ist, zunächst die Grundlagen ab, anatomische Details, operative Zugangswege, Komplikationsmanagement, Fragen, auf die ich, nach Jahren der Vorbereitung, fast automatisch antwortete, als hätte sich das Wissen längst in meine Hände selbst eingeschrieben. Dann aber stellte mir der Vorsitzende der Kommission eine Frage, die ich nicht erwartet hatte, eine Frage nicht zur Technik, sondern zur Person: „Herr Kollege, Sie haben, bevor Sie zu uns kamen, ein ungewöhnliches Leben gelebt. Was hat Sie, nach all diesen Umwegen, davon überzeugt, dass ausgerechnet dieses Fach, die Neurochirurgie, das Richtige für Sie ist?”

Ich erinnere mich, dass ich für einen Moment schwieg, länger, als für eine Prüfungssituation ratsam gewesen wäre, weil ich spürte, dass eine einstudierte, glatte Antwort dieser Frage nicht gerecht würde. Ich erzählte ihnen, kurz und ohne Ausschmückung, von meinem Vater, von seiner unzureichend behandelten Rückenmarksverletzung aus meiner eigenen Kindheit, von dem Gefühl der Ohnmacht, das mich seither nie ganz verlassen hatte, und davon, dass ich in der Neurochirurgie, mehr als in jedem anderen Fach, die Möglichkeit sah, genau dieser Ohnmacht etwas entgegenzusetzen, für andere Familien, die sich in einer ähnlichen Lage wiederfanden wie meine eigene damals. Die drei Prüfer sahen sich kurz an, ein Blick, den ich in diesem Moment nicht deuten konnte und den ich erst später, im Rückblick, als eine Art stiller Zustimmung verstand.

Als ich am frühen Nachmittag aus dem Prüfungszimmer trat, wartete niemand auf mich im Flur, keine Familie, kein Partner, nur ein junger Assistenzarzt aus meiner eigenen Klinik, der mir, mit einer Herzlichkeit, die mich rührte, die Hand schüttelte und mir sagte, dass mein Chef bereits nach mir gefragt habe. Ich fuhr an jenem Abend allein nach Hause, hielt unterwegs an einem kleinen Aussichtspunkt an, von dem aus man, an klaren Tagen, bis zu den Alpen sehen konnte, und erlaubte mir, zum ersten Mal seit Jahren, einen Moment lang einfach nur stillzustehen, ohne an das nächste Ziel zu denken, dass ich mir setzen musste.

Ich habe diese Prüfung all die Jahre über als den eigentlichen Wendepunkt meines Lebens betrachtet, mehr noch als den Tag meines Examens im Medizinstudium. An jenem Nachmittag wurde aus dem Mann, der so viele verschiedene Wege gegangen war, endlich der, der er von Anfang an hatte werden wollen, nur eben auf dem für ihn einzig möglichen, langen Umweg dorthin.

Das Feuer ist inzwischen wieder vollständig entfacht, wirft warmes Licht über den Kasten vor mir. Ich nehme die nächste leere Karte, betrachte sie einen Moment, bevor ich beginne, den ersten Fall aufzuschreiben, den ich als vollwertiger Facharzt eigenverantwortlich behandelte, kaum wenige Wochen nach jener Prüfung.

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Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."