Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Die Drillinge
Karteikarte Nr. 120 — Datum: turbulente Nacht, drei Notfälle, eine Familie. Kürzel: J., K. und M., Drillingsbrüder, 19 J. Stichwort: gemeinsamer Autounfall, drei gleichzeitig zu behandelnde Wirbelsäulenverletzungen unterschiedlichen Schweregrads. Notiz: ein Foto der drei, alle drei mit demselben schiefen Grinsen.
Der Fall
J., K. und M. waren neunzehnjährige, eineiige Drillingsbrüder, gemeinsam auf dem Rückweg von einer ausgelassenen Geburtstagsfeier, als ihr Fahrzeug auf regennasser Fahrbahn ins Schleudern geriet und sich mehrfach überschlug. Alle drei wurden mit Verdacht auf Wirbelsäulenverletzungen unterschiedlichen Ausmaßes in unsere Klinik eingeliefert, eine ungewöhnliche Situation, die unser gesamtes Team vor die seltene Herausforderung stellte, drei nahezu identische, aber unterschiedlich schwer verletzte junge Männer gleichzeitig zu diagnostizieren und zu behandeln, während ihre verzweifelten Eltern im Wartebereich gleichzeitig um alle drei Söhne bangten, hin- und hergerissen zwischen drei Krankenzimmern.
Die Wendung
Die Bildgebung zeigte bei J. eine schwere, instabile Fraktur mit beginnender neurologischer Beeinträchtigung, die eine sofortige Operation zwingend erforderte, während K. eine stabile, konservativ behandelbare Fraktur und M. lediglich Prellungen ohne jede strukturelle Verletzung der Wirbelsäule aufwies, ein deutlicher Unterschied im Schweregrad, obwohl alle drei im selben Fahrzeug gesessen hatten. Die eigentliche organisatorische Herausforderung lag darin, drei parallel laufende Behandlungspfade zu koordinieren, während gleichzeitig sichergestellt werden musste, dass die Familie, die verständlicherweise den Überblick über den jeweiligen Zustand ihrer drei Söhne zu verlieren drohte, kontinuierlich und klar informiert wurde, eine Aufgabe, die wir einer erfahrenen Kollegin übertrugen, die sich ausschließlich um die Kommunikation mit den Eltern kümmerte.
Die Rettung
Ich operierte J. noch in derselben, turbulenten Nacht, eine Stabilisierung der betroffenen Wirbelsäulenabschnitte, die ohne Komplikationen verlief, während K. parallel auf unserer Überwachungsstation konservativ behandelt wurde und M. nach gründlicher Untersuchung noch in derselben Nacht wieder nach Hause entlassen werden konnte. Die Situation, drei Brüder mit demselben Gesicht, aber unterschiedlichem Verletzungsgrad gleichzeitig zu betreuen, verlangte von unserem gesamten Team eine besondere Sorgfalt bei der Dokumentation und Kommunikation, um Verwechslungen in der ohnehin schon komplexen Situation sicher auszuschließen.
Der Weg zurück
J. erholte sich, entgegen unserer anfänglichen ernsten Sorge angesichts der Schwere seiner Verletzung, gut von der Operation, mit einer nur geringfügigen, sich weiter zurückbildenden Schwäche in einem Bein. K.s Fraktur heilte, wie von uns erwartet, unter sorgfältiger konservativer Behandlung folgenlos aus, und alle drei Brüder besuchten mich, ein Jahr später, gemeinsam zu einem fröhlichen Kontrolltermin, bei dem sie mir, mit demselben schiefen Grinsen, das alle drei teilten, ein gemeinsames Foto schenkten, mit der Widmung: „Für den Arzt, der uns alle drei wieder fachgerecht zusammengeflickt hat, jeden auf seine eigene Weise.”
Die Nachwirkung
Die Geschichte der drei Brüder hat mir, auf eine ungewöhnliche Weise, eindrücklich vor Augen geführt, wie unterschiedlich ein und dasselbe Ereignis, ein gemeinsamer Autounfall, drei genetisch nahezu identische Menschen betreffen kann, und wie wichtig eine klare, strukturierte Kommunikation ist, wenn mehrere Familienmitglieder gleichzeitig behandelt werden. Wir haben, seit diesem Fall, ein festes Protokoll für die Betreuung von Angehörigen bei Mehrfacheinlieferungen aus derselben Familie entwickelt, das seither mehrfach erfolgreich zur Anwendung kam. Besonders lehrreich fand ich im Rückblick, wie unterschiedlich die drei Brüder selbst mit dem Unfall umgingen, obwohl sie genetisch identisch waren: J., der am schwersten verletzt worden war, entwickelte in den folgenden Monaten eine bemerkenswerte Gelassenheit, während M., der am glimpflichsten davongekommen war, paradoxerweise am längsten unter Angstzuständen litt, wann immer er wieder in ein Auto steigen musste, ein Unterschied, der mir einmal mehr zeigte, wie wenig die objektive Schwere einer Verletzung über die tatsächliche psychische Verarbeitung eines traumatischen Ereignisses aussagt.
Ich betrachte das gemeinsame Foto der drei Brüder, ihr identisches, schiefes Grinsen, bevor ich es sorgfältig zu meinen anderen Erinnerungsstücken lege und die nächste Karte aus dem allmählich schmaler werdenden Kasten ziehe.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
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