Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Die Bühne, die ich mir selbst nicht zugetraut hätte
Ich lege die Karten des Steinschlags beiseite und lasse eine weitere Erinnerung zurückkehren, diesmal von einem Moment, der mich, mehr als die meisten anderen, aus meiner gewohnten, zurückhaltenden Komfortzone herausführte.
Es war, während der Vorbereitungen zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung, die mehrere regionale Autoren und Musiker zusammenbrachte, als mich die Organisatoren fragten, ob ich mir vorstellen könnte, nicht nur aus einem meiner Bücher vorzulesen, sondern, gemeinsam mit meiner Frau am Klavier, eine kurze, von mir selbst verfasste Rede über die Bedeutung des Erzählens im menschlichen Leben zu halten, vor einem deutlich größeren, gemischten Publikum, als ich es von meinen gewöhnlichen Lesungen gewohnt war.
Ich zögerte, bei diesem unerwarteten Vorschlag, zunächst erheblich und mit spürbarer Unsicherheit, da mir die Vorstellung, eine freie, nicht durch einen vorbereiteten Text abgesicherte Rede zu halten, weitaus beängstigender erschien als jede meiner bisherigen, textgebundenen Lesungen. Meine Frau, die meine anfänglichen Zweifel sofort bemerkte, ermutigte mich jedoch, diese ungewohnte Herausforderung anzunehmen, mit dem Argument, dass gerade meine eigene, ungeschminkte Stimme, ohne den schützenden Filter eines vorgelesenen Textes, dem Publikum etwas Wertvolles vermitteln könnte, das eine reine Lesung nicht zu leisten vermochte.
Ich bereitete mich, in den folgenden, arbeitsreichen Wochen, mit ungewohnter Sorgfalt auf jene bevorstehende Rede vor, ähnlich akribisch, wie ich mich einst auf komplexe, verantwortungsvolle chirurgische Eingriffe vorbereitet hatte, übte laut und wiederholt vor dem Spiegel, verwarf mehrere Entwürfe, bis ich schließlich eine klare Struktur fand, die mir authentisch und aufrichtig genug erschien. Ich entschied mich, in meiner Rede weniger über meine eigenen, oft im Vordergrund stehenden literarischen Erfolge zu sprechen als über die grundlegende, menschliche Notwendigkeit des Erzählens selbst, jene uralte, tief verwurzelte Praxis, mit der Menschen seit jeher versuchen, dem Chaos ihres eigenen Lebens einen verständlichen, gemeinsam teilbaren Sinn zu verleihen.
Als ich schließlich auf jener Bühne stand, vor einem deutlich größeren Publikum, als ich es gewohnt war, spürte ich, in den ersten Sekunden, eine Nervosität, die selbst meine frühere chirurgische Erfahrung kaum gemildert hatte.
Doch sobald ich zu sprechen begann, verschwand diese Nervosität, wie schon bei früheren, ähnlichen Momenten meines zweiten Lebens, überraschend rasch, und ich fand mich in einem intensiven, unmittelbaren Austausch mit meinem Publikum wieder, begleitet vom leisen, einfühlsamen Klavierspiel meiner Frau im Hintergrund.
Ich sprach, in jener Rede, von den vielen Karteikarten, die ich über die Jahre gesammelt hatte, von den unzähligen Geschichten meiner Patienten, die mir gezeigt hatten, wie tief das menschliche Bedürfnis nach Erzählung tatsächlich reicht, gerade in den schwierigsten, verletzlichsten Momenten eines Lebens, und ich bemerkte, während ich sprach, wie sich im Publikum ein stiller, aufmerksamer Konsens einstellte, ein Gefühl gemeinsamer Erkenntnis, das mich selbst überraschte.
Nach der Veranstaltung kamen mehrere bewegte Zuhörer zu mir, um mir persönlich zu sagen, dass gerade diese freie, ungebundene Rede sie tiefer berührt habe als jede vorbereitete Lesung, eine Rückmeldung, die mich, angesichts meiner anfänglichen, erheblichen Zweifel, mit großer Erleichterung erfüllte.
Ich habe, seit jenem denkwürdigen Abend, mehrere weitere solcher freien, ungebundenen Reden gehalten, jedes Mal mit derselben anfänglichen, vertrauten Nervosität, aber auch mit derselben, inzwischen wohlbekannten Gewissheit, dass genau diese besondere Form der unmittelbaren, ungeschützten Kommunikation eine ganz eigene Kraft besitzt, die sich von meinem eigenen, gewohnten schriftlichen Erzählen deutlich unterscheidet und es doch, auf sehr wertvolle Weise, ergänzt.
Ich greife nach der nächsten Karte dieses dritten Bandes, mit der bleibenden, warmen Erinnerung an jenen besonderen Abend, der mir eindrücklich gezeigt hat, dass die wertvollsten Momente meines zweiten Lebens oft genau dort entstanden sind, wo ich mich zunächst am wenigsten sicher und am verletzlichsten fühlte, eine Erkenntnis, die mich seither auch bei anderen, mir zunächst beängstigend erscheinenden neuen Herausforderungen begleitet.
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Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
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