Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Die Buchmesse
Ich lege die Karten der Zahnradbahn beiseite und lasse eine weitere Erinnerung aus meinem literarischen Leben zurückkehren, diesmal von einer internationalen Reise, die mir noch einmal eindrücklich zeigte, wie weit meine Geschichten inzwischen gereist waren.
Es war, einige Jahre nach meiner ersten internationalen Buchübersetzung, von der ich bereits in einem früheren Kapitel dieses Bandes erzählt habe, als mich meine ausländische Agentur einlud, an einer der bedeutendsten internationalen Buchmessen persönlich teilzunehmen, um dort mehrere meiner inzwischen übersetzten Werke einem breiteren, internationalen Publikum vorzustellen. Ich nahm diese Einladung, nach anfänglichem Zögern, gemeinsam mit meiner Frau an, in der Erwartung eines interessanten, aber überschaubaren beruflichen Ausflugs.
Die schiere Größe und internationale Vielfalt jener Messe übertraf jedoch alle meine Erwartungen bei Weitem. Ich stand, an meinem allerersten Messetag, inmitten Tausender Verlagsvertreter, Autoren und Leser aus aller Welt, umgeben von einer babylonischen Vielfalt an Sprachen, und empfand für einen langen Moment eine Ehrfurcht vor der schieren Größe der internationalen Verlagswelt, die mich, trotz meiner eigenen, inzwischen recht beachtlichen Verlagserfahrung, an meine eigene Bescheidenheit innerhalb dieses riesigen, globalen Ökosystems erinnerte.
Ich hatte, an jenem ersten, aufregenden Tag, eine kleine, bescheidene Lesung vor einem überschaubaren Publikum geplant, rechnete kaum mit größerem Interesse an einem noch relativ unbekannten deutschsprachigen Autor. Zu meiner großen Überraschung füllte sich der kleine Vortragsraum jedoch bis auf den letzten Platz, mit Lesern, die, wie sich in der anschließenden Fragerunde zeigte, tatsächlich bereits mehrere meiner übersetzten Werke gelesen hatten und mir aufmerksame, gut informierte Fragen zu meinen Figuren und ihrer Entwicklung stellten.
Ich erinnere mich besonders an eine ältere Leserin, die mir, nach der Lesung, mit sichtlicher Rührung erzählte, dass sie meine Bücher über eine Freundin entdeckt habe, die selbst nie in Kärnten gewesen sei, aber, durch meine Beschreibungen, das Gefühl gehabt habe, den Wörthersee bereits zu kennen. Diese Begegnung, so kurz sie war, hat mich noch einmal eindrücklich daran erinnert, wie sehr gute Geschichten tatsächlich kulturelle und sprachliche Grenzen überwinden können, eine Erkenntnis, die mich bereits bei meiner ersten Übersetzung berührt hatte, die sich an jenem Messetag aber noch einmal auf eindrückliche, greifbare Weise bestätigte.
Meine Frau, die mich während der gesamten Messe begleitete, bemerkte, auf dem gemeinsamen Rückflug, wie verändert ich seit unserer Ankunft wirkte, ruhiger und zugleich beschwingter, eine Beobachtung, die ich, nach kurzem Nachdenken, nur bestätigen konnte. Ich habe, in den Jahren seit jener ersten großen, überwältigenden Messe, mehrere weitere internationale Reisen dieser Art unternommen, jede mit ihren ganz eigenen, unerwarteten Begegnungen und Einsichten, doch keine einzige hat mich so tief und nachhaltig geprägt wie jene erste, unerwartet überwältigende Erfahrung, inmitten Tausender fremder Menschen zu stehen, die sich, jeder auf seine eigene Weise, derselben Liebe zu guten Geschichten verschrieben hatten wie ich selbst.
Ich habe, seit jener denkwürdigen Reise, begonnen, mir vor jeder neuen internationalen Veranstaltung bewusst Zeit für einen ruhigen Spaziergang zu nehmen, unabhängig vom Ort, an dem ich mich gerade befinde, eine kleine, aber liebgewonnene persönliche Gewohnheit, die mir hilft, mich vor der oft überwältigenden, hektischen Geschäftigkeit solcher Großveranstaltungen zu sammeln und mich an die eigentliche, stille Quelle meines gesamten Schreibens zu erinnern, jenen Schreibtisch am Wörthersee, an dem alles seinen Anfang nahm. Ich denke, wann immer ich mich auf einer solchen großen internationalen Bühne wiederfinde, unwillkürlich an jene ältere, freundliche Leserin zurück, deren bewegende Worte mir eindrücklicher als jede noch so beeindruckende Verkaufszahl zeigten, welchen tatsächlichen, tief menschlichen Wert meine Arbeit für wildfremde Menschen entfalten kann, weit über die Grenzen meiner eigenen, vertrauten Heimat hinaus.
Ich greife nach der nächsten Karte dieses dritten Bandes, mit erneuerter Dankbarkeit für all die unerwarteten Wege, die mein zweites Leben als Autor mich inzwischen geführt hat.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."