Schulmedizin trifft Alternativmedizin · 3 min Lektüre

Die Blutegel

Karteikarte Nr. 106 — Datum: Frühling. Kürzel: R.S., 49 J. Stichwort: ausgedehnte postoperative Schwellung, ergänzende Blutegeltherapie auf Wunsch der Patientin, in Absprache mit dem Team durchgeführt. Notiz: eine kleine, sorgfältig beschriftete Zeichnung eines Blutegels, von der Patientin selbst angefertigt.

Der Fall

R.S. war neunundvierzig, hatte sich einer größeren, mehrstündigen Operation zur Entfernung eines Tumors im Bereich der Wirbelsäule unterzogen, die zwar technisch erfolgreich verlief, aber von einer ausgeprägten, hartnäckigen Weichteilschwellung im Operationsgebiet begleitet wurde, die sich mit unseren üblichen Standardmaßnahmen nur langsam zurückbildete. R.S., die selbst als Heilpraktikerin arbeitete, fragte mich, bereits am dritten Tag nach der Operation, vorsichtig, aber bestimmt, ob eine begleitende Blutegeltherapie, wie sie in ihrem eigenen beruflichen Umfeld bei ähnlichen Schwellungszuständen gelegentlich eingesetzt wird, in ihrem Fall infrage käme.

Die Wendung

Ich war, das gebe ich offen zu, zunächst spürbar überrascht von dieser ungewöhnlichen Anfrage, wusste aber gleichzeitig, aus meiner medizinischen Ausbildung, dass die Blutegeltherapie, so ungewöhnlich sie manchen erscheinen mag, tatsächlich eine anerkannte, in bestimmten Bereichen der Medizin, etwa der plastischen und Wiederherstellungschirurgie, durchaus etablierte ergänzende Behandlungsmethode ist, deren blutverdünnende und durchblutungsfördernde Wirkstoffe im Speichel der Tiere wissenschaftlich belegt sind. Ich besprach die Möglichkeit ausführlich und sorgfältig mit unserem gesamten Behandlungsteam und mit einem Kollegen aus der plastischen Chirurgie, der bereits einschlägige Erfahrung mit dieser Methode hatte, und wir kamen gemeinsam zu der Einschätzung, dass eine begleitende, fachgerecht durchgeführte Blutegeltherapie in R.S.s speziellem Fall tatsächlich sinnvoll sein könnte, um die venöse Stauung im betroffenen Gewebe gezielt zu reduzieren.

Die Rettung

Wir setzten, unter engmaschiger ärztlicher Überwachung und mit medizinisch gezüchteten, für diesen Zweck zugelassenen Blutegeln, über mehrere Tage hinweg wiederholt kleine Anwendungen im Randbereich der geschwollenen Region ein, kombiniert mit unseren üblichen konventionellen Maßnahmen wie Lymphdrainage und Kühlung. Die Schwellung, die sich in den ersten Tagen kaum zurückgebildet hatte, zeigte binnen kurzer Zeit eine deutliche Besserung, ein Verlauf, der sich medizinisch zwar nicht mit letzter Sicherheit allein auf die Blutegeltherapie zurückführen ließ, der aber, in Kombination mit unserer übrigen Behandlung, das gesamte Team positiv überraschte.

Der Weg zurück

R.S. erholte sich in den folgenden Wochen gut, die Schwellung bildete sich vollständig zurück, und die eigentliche Wundheilung verlief, ohne weitere Komplikationen, genau wie geplant und erhofft. Sie kehrte zu ihrer eigenen beruflichen Tätigkeit zurück, mit einer, wie sie mir bei ihrem letzten Kontrolltermin lachend erzählte, „ganz neuen, praktischen Wertschätzung dafür, wie es sich tatsächlich anfühlt, selbst einmal auf der anderen Seite der eigenen Behandlungsmethoden zu liegen.” Sie schenkte mir eine kleine, botanisch-präzise Zeichnung eines Blutegels, die sie selbst während ihres Klinikaufenthalts angefertigt hatte, mit der humorvollen Widmung: „Für den Chirurgen, der keine Angst vor kleinen Helfern hatte.”

Die Nachwirkung

R.S.s Fall hat mich daran erinnert und bestärkt, dass die Grenze zwischen traditioneller Volksmedizin und moderner, evidenzbasierter Schulmedizin manchmal fließender ist, als ein oberflächlicher Blick vermuten lässt, und dass es sich lohnt, auch ungewöhnlich klingende Anfragen von Patienten ernsthaft zu prüfen, anstatt sie vorschnell abzulehnen, solange sich eine wissenschaftlich fundierte, sichere Anwendung finden lässt. Ich habe seither, bei vergleichbaren postoperativen Schwellungszuständen, die ergänzende Blutegeltherapie in Absprache mit unserem plastisch-chirurgischen Kollegen mehrfach erfolgreich eingesetzt.

Manche jüngeren Kollegen reagieren, wenn ich ihnen diese Möglichkeit zum ersten Mal vorschlage, mit einem ähnlichen anfänglichen Erstaunen, wie ich es selbst bei R.S.s Anfrage empfand, ein kleiner, wiederkehrender Beweis dafür, dass gute Medizin manchmal eben doch älter ist als ihr moderner, wissenschaftlicher Name.

Ich betrachte die kleine, sorgfältig gezeichnete Blutegel-Illustration, bevor ich sie zu meinen anderen Erinnerungsstücken lege, und greife, mit einem Lächeln über diese ungewöhnliche Geschichte, nach der nächsten Karte, die mich mit einer Notiz zu einem der angespanntesten Sommernachmittage meiner gesamten Laufbahn erwartet.

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