Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Die Assistenzärztin, die zu früh aufgeben wollte
Ich stehe auf, gehe zum Bücherregal, ziehe ein schmales Buch heraus, das mir vor einigen Jahren zugeschickt wurde, ein Fachbuch zur kindlichen Neurochirurgie, auf dessen Innenseite eine Widmung steht, die ich mir, bevor ich weiterschreibe, noch einmal in Ruhe durchlese.
Dr. Nora K. kam als junge Assistenzärztin in meine Abteilung, in einem Jahr, in dem ich bereits einige Jahre als Chefarzt tätig war und mir, wie ich glaubte, ein recht sicheres Urteilsvermögen darüber angeeignet hatte, welche jungen Kollegen das Zeug zu guten Chirurgen hatten und welche eher in einem anderen Bereich der Medizin aufgehen würden. Bei Nora irrte ich mich zunächst gründlich. In ihren ersten Monaten wirkte sie unsicher, zögerlich bei praktischen Eingriffen, deutlich zurückhaltender als ihre gleichaltrigen Kollegen, sodass ich, ich gebe es offen zu, intern bereits überlegte, ob die Chirurgie tatsächlich das richtige Fach für sie war, ein Gedanke, den ich, aus Erfahrung vorsichtig geworden, jedoch nicht vorschnell aussprach.
Der Wendepunkt kam eines Nachmittags, als ich sie, nach einer besonders schwierigen Visite bei einem kritisch kranken Kind, zufällig allein im leeren Aufenthaltsraum der Station antraf, sichtlich den Tränen nahe. Sie gestand mir, auf meine vorsichtige Nachfrage hin, dass sie ernsthaft erwäge, die Chirurgie ganz aufzugeben, weil sie sich, wie sie es formulierte, „jeden Tag aufs Neue wie eine Hochstaplerin fühle, die im falschen Fach gelandet ist.” Ich erkannte in diesem Moment, mit einer Klarheit, die mich selbst überraschte, etwas von meiner eigenen, lange zurückliegenden Krise wieder, jener Zeit tiefer Selbstzweifel nach der Komplikation, von der ich in diesem Buch bereits erzählt habe. Ich setzte mich zu ihr, ohne die übliche hierarchische Distanz zwischen Chefarzt und Assistenzärztin, und erzählte ihr, zum ersten Mal überhaupt einer jüngeren Kollegin gegenüber, offen von jener eigenen Krise.
In den folgenden Monaten übernahm ich, mehr als bei anderen Assistenzärzten üblich, persönlich einen Teil ihrer weiteren Ausbildung, nicht, weil sie weniger begabt gewesen wäre als die anderen, sondern weil ich in ihr eine besondere, sorgfältige Gründlichkeit erkannte, die, richtig gefördert, zu einer außergewöhnlichen Stärke werden konnte, statt, wie sie selbst befürchtete, ein Zeichen mangelnder Eignung zu sein. Ich ließ sie zunächst kleinere, überschaubare Eingriffe unter meiner unmittelbaren Aufsicht durchführen, gab ihr bewusst mehr Zeit, als ich sie mir selbst früher zugestanden hatte, und beobachtete, wie sich ihre anfängliche Unsicherheit, Schritt für Schritt, in eine methodische, außerordentlich präzise Arbeitsweise verwandelte.
Nora spezialisierte sich, in den folgenden Jahren ihrer Ausbildung, zunehmend auf die kindliche Neurochirurgie, ein Teilgebiet, das eine besondere Feinfühligkeit erfordert, sowohl chirurgisch als auch im Umgang mit den jungen Patienten und ihren verständlicherweise verängstigten Eltern, und in dem sich genau jene gründliche, geduldige Herangehensweise, die ich anfangs für Unsicherheit gehalten hatte, als eine ihrer größten Stärken erwies. Sie übernahm, nach Abschluss ihrer eigenen Facharztausbildung, zunächst eine Oberarztstelle in unserer Klinik, bevor sie, einige Jahre später, selbst den Ruf an eine große Universitätsklinik erhielt, um dort eine eigene Abteilung für kindliche Neurochirurgie aufzubauen.
Das Buch, das sie mir schickte, als sie ihre erste eigene größere wissenschaftliche Arbeit veröffentlichte, trägt eine Widmung, die ich seither immer wieder lese, wenn ich selbst an mir zu zweifeln beginne: „Für den Chef, der mir zeigte, dass Selbstzweifel kein Grund zum Aufgeben sind, sondern manchmal nur der Anfang von etwas Größerem.”
Ich habe, in all den Jahren als Chefarzt, viele junge Kollegen ausgebildet, aber Noras Geschichte bleibt für mich ein besonders eindrückliches Beispiel dafür, wie wichtig es ist, nicht nur nach offensichtlicher Begabung zu suchen, sondern genau hinzuschauen, welche verborgene Stärke sich manchmal hinter anfänglicher Unsicherheit verbirgt.
Ich stelle das Buch zurück ins Regal, gehe zum Kasten zurück und ziehe die nächste Karte, die mich, mit einer Notiz über eine Kunst, die ich selbst nie beherrscht habe, sofort neugierig macht.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."