Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Die alte Wunde
Karteikarte Nr. 128 — Datum: Herbst. Kürzel: O.N., 58 J., aus einem fernen Land geflüchtet. Stichwort: jahrzehntealte, im Kindesalter erlittene, nie fachgerecht behandelte Rückenverletzung, jetzt zunehmend symptomatisch. Notiz: eine winzige, verrostete Metallsplitter-Probe, die wir bei der Operation entfernten.
Der Fall
O.N. war achtundfünfzig Jahre alt, schon vor einigen Jahren aus einem von Konflikt gezeichneten Land geflüchtet, als er mit zunehmenden Rückenschmerzen und einer langsam fortschreitenden Schwäche in einem Bein zu mir kam. Die Bildgebung zeigte etwas völlig Unerwartetes: einen winzigen, seit Jahrzehnten im Gewebe eingekapselten Metallsplitter, unmittelbar neben der Wirbelsäule gelegen, offenkundig ein Überrest einer Verletzung, die O.N. als Kind erlitten hatte, in seinem Herkunftsland, ohne jemals eine angemessene medizinische Versorgung dafür erhalten zu haben. Er erzählte mir, zunächst zögerlich und mit sichtbarem Widerstand, dann mit wachsender Offenheit, von einem einschneidenden Ereignis aus seiner Kindheit, über das er, wie er sagte, „seit Jahrzehnten kaum je mit jemandem gesprochen” habe.
Die Wendung
Der Splitter selbst hatte, über all die Jahrzehnte, keine akuten Beschwerden verursacht, doch die umliegende Vernarbung hatte sich, mit zunehmendem Alter, langsam auf einen benachbarten Nerv ausgeweitet, ein Prozess, der Jahrzehnte gebraucht hatte, um symptomatisch zu werden. Ich musste O.N. behutsam erklären, dass eine Behandlung, die er sich als Kind so dringend gewünscht hätte, nun, viele Jahrzehnte später, endlich möglich war, eine Mitteilung, die bei ihm eine sichtlich komplexe, tiefe Mischung aus Erleichterung und einer Art nachträglicher Trauer auslöste, über all die vielen Jahre, die er mit dieser unbehandelten, verdrängten Verletzung gelebt hatte.
Die Rettung
Die Operation, eine vorsichtige Entfernung des alten Fremdkörpers und eine Entlastung des betroffenen Nervs, verlangte besondere Sorgfalt, da sich rund um den jahrzehntealten Splitter über die Zeit erhebliches Narbengewebe gebildet hatte, das die normalen anatomischen Strukturen erheblich verändert hatte. Der Eingriff verlief, trotz dieser zusätzlichen Herausforderung, ohne Komplikationen, und ich hielt den winzigen, verrosteten Metallsplitter nach der Operation für einen langen, stillen Moment in der Hand, mir bewusst, dass dieses kleine, unscheinbare Stück Metall O.N. buchstäblich sein halbes Leben lang unbemerkt begleitet hatte.
Der Weg zurück
O.N.s Schmerzen besserten sich deutlich und spürbar von Woche zu Woche, die fortschreitende Schwäche in seinem Bein kam zum Stillstand und bildete sich in den folgenden Monaten teilweise wieder zurück. Er besuchte mich, einige Wochen nach der erfolgreichen Operation, mit einem Geschenk, das ihn selbst sichtlich bewegte, ein kleines, sorgfältig aus seiner fernen Heimat mitgebrachtes Erinnerungsstück, verbunden mit den bewegenden Worten, dass diese Operation für ihn „weit mehr als eine bloße körperliche Behandlung” gewesen sei, sondern auch eine Möglichkeit, mit einem lang zurückliegenden, schmerzhaften Kapitel seines Lebens endlich inneren Frieden zu schließen.
Die Nachwirkung
O.N.s Fall hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie lange manche Verletzungen, körperlich wie seelisch, unbehandelt in einem Menschen weiterwirken können, und welches Privileg es ist, als Arzt in einem Land zu praktizieren, in dem eine solche Behandlung überhaupt verfügbar ist. Ich denke oft an O.N.s Worte zurück, dass ihn diese Operation nicht nur körperlich, sondern auch auf eine Weise entlastet habe, die er selbst zuvor nicht erwartet hätte. Dieser Fall hat mich zudem daran erinnert, wie wichtig es ist, bei Patienten mit einer Fluchtgeschichte stets auch nach älteren, möglicherweise nie behandelten Verletzungen zu fragen, die in der Hektik einer ursprünglichen Krise oder Flucht oft unbehandelt bleiben mussten und Jahrzehnte später, wenn niemand mehr aktiv danach fragt, unerwartet wieder symptomatisch werden können.
Ich bewahre den winzigen Metallsplitter, den wir aus O.N.s Rücken entfernten, in einem kleinen, sorgfältig verschlossenen Glasröhrchen auf, eine stille, bewegende Erinnerung an eine Wunde, die viel zu lange auf ihre Behandlung warten musste, und ziehe die nächste Karte aus dem Kasten.
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